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von Jan von Lingen

Erbsünde - Was bedeutet das überhaupt?

"Ich habe neulich den Begriff "Erbsünde" gelesen. Mit dem Wort "Sünde" kann ich etwas anfangen. Aber was bedeutet "Erb-Sünde"?"

Was erben wir nicht alles von unseren Vorfahren: Die Familiengeschichte, vielleicht den Nachnamen oder die Augenfarbe. Mancher erbt etwas von dem Wesen der Eltern und, wer Glück hat, ein Häuschen. Aber was bitte ist das für eine Erbschaft - "Erbsünde"?

Das ist eine alte Lehre, die besagt: Jeder Mensch bringt nicht nur seine Augenfarbe oder bestimmte Gaben mit. Wir von Gott getrennt und zwar von Anfang an. Sünde kommt sprachlich von dem Wort "Sund", also einem Graben. Wir sind getrennt von Gott wie durch einen Graben. Das ist uns quasi in die Wiege gelegt...

Und dieser Gedanke hat mit der Geschichte von Adam und Eva zu tun. Da wird erzählt, die leben friedlich im Paradies, durften von allen Früchten essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis. Da kommt die Schlange - na, Sie wissen schon - und verführt die beiden. Adam und Eva essen die verbotene Frucht und werden daraufhin aus dem Paradies vertrieben. So kam das Böse in die Welt, erzählt diese Geschichte wie einem Gleichnis. Und schon ihre Söhne treiben das auf die Spitze: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Darum ist die Sünde im Menschsein angelegt, ist sozusagen "vererbt". Erbsünde eben.

Klar, dass da widersprochen wird. Psychologen, Therapeuten. Philosophen sehen das kritisch und sagen: Wie kann der Mensch vom ersten Schrei an ein Sünder sein? Er ist doch auch zum Guten fähig. Ist das nicht menschenverachtend?

Sünde und Erlösung hängen zusammen

Auch manche christliche Theologen sehen das heute ähnlich. Für mich ist es wichtig, den Begriff "Erbsünde" nicht allein stehen zu lassen. Paulus hat einmal geschrieben: Durch Adam kam die Sünde in die Welt, durch Jesus kam Christus die Erlösung. Also hängen für Christen beide zusammen: Adam und Jesus, Sünde und Erlösung.

Das war auch die große Erkenntnis von Martin Luther, der entdeckt hat: Der Mensch kann nicht aus eigener Kraft vor Gott gerecht werden. Trotzdem nimmt uns Gott an - wie wir sind, mit unseren Fehlern.

Erbsünde und Erlösung - das klingt so groß und gewaltig. Ich würde es einfach so sagen: Es gibt vieles, was uns von Gott trennt. Aber es gibt mehr, was uns mit ihm verbindet. Größer als alles, was uns von Gott trennt, ist seine Liebe.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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