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von Jan von Lingen

Ausgetreten - Darf man trotzdem am Abendmahl teilnehmen?

"Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Jetzt wird mein Sohn konfirmiert. Ich möchte gerne mit ihm zum Abendmahl gehen, aber der Pastor hat das abgelehnt. Mit Recht?"

Eine schwierige Frage - und was brauchen wir, wenn es ein Problem zu besprechen gibt? Einen runden Tisch! Stellen Sie sich also einen runden Tisch vor, an dem sitzen Sie und Ihr Pastor.

...

Sie: Ich verstehe das nicht, Herr Pastor. Mein Sohn wird konfirmiert, da muss es doch möglich sein, dass ich am Abendmahl teilnehme.

Pastor: Aber Sie sind doch ausgetreten; das zeigt doch, dass Sie nicht dazu gehören wollen!

Schon, aber das ist doch etwas anderes. Mein Sohn wird konfirmiert - müsste die Kirche da nicht viel offener und einladender sein?

Natürlich. Aber wissen Sie eigentlich, wie schwierig die finanzielle Lage der Kirche ist? Kirche kann so nicht funktionieren, wenn Kinder am Konfirmandenunterricht teilnehmen, die Eltern aber keine Kirchensteuer zahlen.

Ach, es geht ums Geld? Wissen Sie, Herr Pastor, ich war jahrelang Mitglied der Kirche, bin getauft und konfirmiert. Gilt das denn überhaupt nichts?

Nein, es geht nicht ums Geld, und ja, natürlich, die Taufe hält ein Leben lang. Aber mit Ihrem Austritt haben Sie doch eine Entscheidung getroffen. Und die muss ich als Pastor berücksichtigen. Aber wissen Sie, was ich mich frage: Wenn Ihnen diese Gemeinschaft im Abendmahl so wichtig ist, warum haben Sie sich dann von der Kirche getrennt?

Tja, das hat natürlich seine Geschichte... und um ehrlich zu sein: An diesem Tag, würde ich ja auch gerne dazu gehören. Und hat Jesus sich nicht auch mit allen an einen Tisch gesetzt?

Klar, Jesus war für alle Menschen da - so wie wir zum Beispiel in unseren Gottesdiensten. Da sind Sie immer herzlich willkommen, egal ob Kirchenmitglied oder nicht!

--- nur nicht beim Abendmahl?

Mit dem Abendmahl ist das eben etwas anders. Auch Jesus hat das Abendmahl sehr bewusst gefeiert, nur mit seinen Jüngern, im engsten Kreis. Beim Abendmahl geht es um Sündenvergebung und um Gemeinschaft, aber das ist eben keine Familienfeier oder so...

Für mich schon. Ich möchte eben mit meinem Sohn zusammen an den Altar treten! Das müssten Sie als Pastor doch verstehen...

Aber was ist das für ein Zeichen für Ihren Sohn am Tag seiner Konfirmation? Ist es egal, in der Kirche zu sein oder nicht?

Das ist schon schwierig, das sehe ich ein. Aber wenn dann trotzdem jemand zum Abendmahl kommt und am Altar steht, obwohl er nicht in der Kirche ist?

Na ja - den will und darf ich nicht wegschicken. Ich bin der Meinung, wer am Abendmahl teilnimmt, zeigt, dass er dazu gehören will. Und das kann er oder sie auch richtig tun und wieder in die Kirche eintreten.

...

Ende der Szene! Sie sehen: Der runde Tisch hat nicht viel gebracht, höchstens eine Notlösung - aber keiner ist so richtig zufrieden. Aber vielleicht ist das ja ein Grund darüber nachzudenken: Wie konsequent möchte und kann ich nach einem Austritt sein? Vermisse ich vielleicht doch etwas? Was bedeutet mir und meiner Familie eigentlich die Kirche?

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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