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von Jan von Lingen

Abendmahl - Warum wird die Oblate manchmal nur getunkt?

Seit kurzem wird in unserer Gemeinde auf eine seltsame Art Abendmahl gefeiert. Man empfängt die Oblate, behält sie in der Hand und tunkt sie dann vor dem Verzehr in den Kelch. Wir haben bisher immer aus dem Kelch getrunken. Warum diese Änderung?

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"Das Abendmahl" von Leonardo da Vinci

Sie haben recht, das ist schon eine etwas seltsame Abendmahlsfeier. In der Bibel wird vom letzten Abendmahl ja anders erzählt. Jesus hatte seine Jünger um sich versammelt, nahm das Brot, brach es, gab es seinen Jüngern - und dann nahm er den Kelch und sagte: Trinkt alle daraus! Und wie war das bei Ihnen? Wenn Sie nun eine Abendmahlsfeier in Ihrer Kirche besuchen, wird Ihnen zuerst die Oblate gereicht, Sie warten dann bis der Abendmahlskelch kommt und tauchen die Oblate dann dort ein. Etwas ungewohnt, zugegeben... - und Sie kennen das ja seit Ihrer Kindheit anders.

Denn in den evangelischen Gemeinden gibt es seit der Reformationszeit den Gemeinschaftskelch. Dafür hat Martin Luther gekämpft. Jeder einzelne Christ - nicht nur der Priester wie in der katholischen Kirche - sollte aus dem Kelch trinken dürfen, so wie die Jünger beim letzten Abendmahl. Dieser Gemeinschaftskelch wird übrigens während der Feier mehrfach mit Desinfektionstuch gesäubert. Trotzdem machen sich heutzutage manche Abendmahlsteilnehmer Sorgen wegen möglicher Krankheiten. Denken Sie an Grippeviren!

Abendmahlstradition der orthodoxen Kirche

Wohl darum feiern einige Gemeinden das Abendmahl in Grippezeiten etwas anders: Da wird eben nicht aus einem gemeinsamen Kelche getrunken, sondern jeder taucht seine Oblate in den Wein oder in den Traubensaft. So wird oft auch in Krankenhäusern oder Seniorenheimen gefeiert. Diese Abendmahlform ist sehr alt, auch in den orthodoxen Kirchen wird so gefeiert. Das ist möglich, sollte aber in den evangelischen Kirchen die Ausnahme bleiben, so die Kirchenleitung.

Dennoch: Wer nicht aus dem Gemeinschaftskelch trinken möchte, kann auf dieses Eintauchen der Oblate ausweichen. Kirchenvorstände können darüber entscheiden und die Pastorinnen und Pastoren können schon bei der Einladung zum Abendmahl auf diese Möglichkeit hinweisen. Die Ansteckungsgefahr ist dann unbedeutend, so das Robert-Koch-Institut in Berlin auf eine Anfrage der Kirche.

Übrigens gibt es noch eine andere Form der Abendmahlsfeier: In manchen Gemeinden werden viele einzelne kleine Kelche ausgeteilt, auch das ist möglich und wird gerne angenommen. Ob Eintauchen der Oblate oder viele Einzelkelche - dies sind zwei Möglichkeiten, wie wir Abendmahl feiern, auch ohne Angst vor Ansteckung.

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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