Stand: 04.10.2017 11:40 Uhr

Kolumne: Wo Heimat cool ist

von Matthias Bernstorf
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Am 1. Oktober haben rund 42 Prozent der Katalonen über die Unabhängigkeit abgestimmt.

Hand aufs Herz: Lieben Sie Ihr Heimatland? Ich sage sofort "ja", müsste aber kurz nachdenken, wo das ist. "Meine Heimat ist dort, wo meine Bücher sind", sagt der ehemalige Rabbi von Wimbledon und spätere Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, William Wolf. Gerne denke ich an diesen Satz zurück, gelassen gesagt bei einer Tasse Tee auf britischen Landhausmöbeln. Er klingt so weise in einer Zeit, in der Schotten, Basken und Bozener gebannt verfolgen, ob es den Katalanen gelingt, ein eigenes Land zu werden.

Ihr Wunsch klingt aberwitzig, ist den Deutschen aber vertrauter, als man denkt. Die Landesfarben Gelb und Rot flattern zum Beispiel auch dort, wo die Bevölkerung erst 1975 über die Gründung eines eigenen Bundeslands abstimmte: in Oldenburg. Franken strebte 1990 nach föderaler Autonomie, über ein Referendum zur Gründung des Bundeslands Mitteldeutschland wird aktuell verhandelt.

Madrid hält Privilegien zurück

1975, nach dem Ende der Franco-Diktatur, hatte sich die spanische Verfassung unter anderem am deutschen Grundgesetz orientiert. Darum kennt auch sie den sogenannten Bundeszwang (bei uns Art. 37 GG) und ermöglicht in Artikel 13 ff. auch die Gründung von Bundesländern. Aber dieses Privileg hält die Zentralregierung in Madrid gegenüber den sogenannten autonomen Gemeinschaften bedauerlicherweise zurück.

Bei uns haben die Bundesländer nicht bloß die Freiheit, sondern sogar die Pflicht, sich neu zu erfinden. Sie sollen ihre Anzahl verkleinern und gerechter gestalten, zum Beispiel nach vergleichbarer Einwohnerzahl und wirtschaftlicher Lebensfähigkeit. So verlangte es Artikel 29 GG und war bislang der einzige Fall des Bundeszwangs. Resultat: Weil es in der Heimat Mut kostet, das eigene Landesparlament abzuschaffen, verwandelten die Länder Artikel 29 eine "Kann"-Bestimmung. Was nicht heißt, dass Angst immer ein kluger Ratgeber ist.

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Matthias Bernstorf vergibt ein Herz an die Katalanen.

"Meine Heimat ist Europa", sagt unsere Nachbarin, von Bremerhaven nach Schwerin gezogen, meine Heimat ist dort, wo das Meer braust und der Wind kühl ist. "Meine Heimat ist dort, wo meine Bücher sind", sagt der Europäer William Wolf und meint auch das Buch der Bücher. Das ist ein Zuhause, das bleibt, egal, wo gerade Heimat ist.

Darum gebe ich ein Herz für ein eigenes Bundesland der Katalanen und den Mut, auch unsere Bundesländer in einem geeinten Europa neu zu erfinden.

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