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von Jan von Lingen

Austritte - Sollte Kirche nur für Mitglieder da sein?

"Mich beschäftigt, dass auch Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, die Dienste der Kirche in Anspruch nehmen. Sollte Kirche nicht nur für Mitglieder da sein?"

In einem Gemeindebrief war zu lesen: Das Kirchenkonzert kostet für Kirchenmitglieder zehn Euro, für Nichtmitglieder 14 Euro. Ganz selbstverständlich wird es so in einer ostdeutschen Gemeinde gehandhabt, wo das Geld besonders knapp ist. Ist das ein Blick auch in unsere Zukunft? Werden wir künftig genauer unterscheiden zwischen Mitgliedern und "anderen", die nicht - oder nicht mehr - zu unserer Kirche gehören?

Das Problem ist ja offensichtlich: Alle vier Jahre verlieren die evangelische und die katholische Kirche gemeinsam etwa eine Million Menschen durch Austritte. Trotzdem wollen viele Ausgetretene irgendwie mit der Kirche verbunden bleiben. Sie lassen ihre Kinder taufen oder konfirmieren, besuchen Konzerte in Kirchen oder Gottesdienste zu Weihnachten und wünschen sich, dass die Gemeinde am Ort gute Arbeit macht und die alte Kirche erhalten bleibt.

Ich kann verstehen, dass viele Kirchenmitglieder darüber traurig und frustriert sind. Uns fehlen ja die Menschen und damit auch ihr Kirchensteuerbeitrag. Das hat Folgen: Gemeinden werden zusammengelegt, Pastorinnen und Pastoren sind für immer größere Bezirke zuständig, das Geld wird einfach knapp.

Kirche ist keine geschlossene Gesellschaft

Aber sollen wir darum die Ausgetretenen ausschließen? Das passt nicht zur Kirche. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat es einmal so formuliert: Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie "für andere" da ist. Sie ist also kein Verein und erst recht keine geschlossene Gesellschaft. Kirche will sich allen öffnen - mit besonderen Gottesdiensten, kulturellen Veranstaltungen, Lebensbegleitung und spirituellen Angeboten - und natürlich mit dem Angebot, wieder einzutreten.

Für die Zukunft der Kirche sind die Austritte auch gar nicht das größte Problem. Verändert wird die Kirche vor allem dadurch, dass immer weniger Kinder geboren werden. Bis zum Jahr 2030, so wird geschätzt, wird die Zahl der Mitglieder um rund ein Drittel sinken. Außerdem werden künftig noch stärker als heute die Älteren das Bild der Kirche prägen, die ja von der Kirchensteuer befreit sind. Das bleibt eine echte Herausforderung: Mit weniger Menschen und weniger Geld lebendige Kirche bleiben an möglichst vielen Orten.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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