Stand: 01.03.2017 16:00 Uhr

Annettes Klosterküchen-Blog aus St. Marienberg

Dreharbeiten für die nächste Folge Klosterküche aus St. Marienberg in Helmstedt mit Annette Behnken. Im Blog schildert die Pastorin ihre persönlichen Erfahrungen vom Dreh. Das NDR Fernsehen sendet die Ausgabe am 9. April um 15.30 Uhr.


16:00 Uhr - Mittwoch
Anfassen streng verboten: Auch für Pastorin Annette Behnken ist der 400 Jahre alte Sattel tabu.

Wie fühlt sich 400 Jahre alter Samt an? Ich werde es nie erfahren. Denn in der Restaurierungs-Abteilung "Paramentenwerkstatt der von Veltheim Stiftung beim Kloster St. Marienberg" ist Anfassen streng verboten. Viel zu empfindlich sind die historischen Stoffe, die von fachkundigen Händen gereinigt und konserviert werden. Aber ein Blick auf die Schätze, die hier lagern, genügt, um mich Staunen zu lassen. Wie bei dem Sattel aus dem Barockzeitalter. Allein das Sticken der plastischen Figuren und das Anbringen unzähliger winziger Metallplättchen muss Monate in Anspruch genommen haben. Von der Sorgfalt und der Erfahrung, die dafür nötig waren, ganz zu schweigen. Handwerk oder Kunst? Hier verschwimmen eindeutig die Grenzen.


13:00 Uhr - Mittwoch
Leicht, angenehm, elegant: Annette Behnken ist begeistert von der Stoffqualität der Marienberger Talare.

Die Paramentenwerkstatt, Abteilung Neuherstellung, in St. Marienberg macht nicht nur Paramente - also Altar- und Kanzelbehänge, Kelchtücher, sondern auch in Talare für die trendbewusste Pastorin von heute. So eine bin ich doch auch, also gleich mal anprobieren! Trägt sich leicht und angenehm, der Stoff schmeichelt der Haut und elegant ist er auch, der Damentalar à la St. Marienberg. Mit Modenschau hat das ganze übrigens nichts zu tun. Das hier ist eine ganz seriöse Amtstracht, von der Kirche offiziell genehmigt. Genau wie mein eigener Talar zuhause. Der ist zwar eindeutig konservativer, aber vielleicht gefällt er mir ja gerade deshalb. Trendbewusst hin oder her.


09:30 Uhr - Mittwoch

Mein letzter Drehtag in St. Marienberg und für mich gleichzeitig einer der Höhepunkte meines Aufenthalts hier. Ich besuche die Paramentenwerkstatt des Klosters. Paramente, so lautet die Sammelbezeichnung für Altar- und Kanzelbehänge, Kelchtücher und andere liturgische Gewänder. In St. Marienberg werden sie hergestellt und die Werkstatt ist berühmt für ihre künstlerisch anspruchsvollen Entwürfe und das hohe handwerkliche Niveau in der Ausführung.

"Heilige Stoffe" für die Ewigkeit

Als ich den historischen Paramentensaal betrete, wird mir klar, warum: Still und wie in sich gekehrt sitzen hier die Frauen bei der Arbeit, sticken, nähen oder weben. Die Atmosphäre erinnert ein wenig an einen Meditations- oder Gebetsraum. Und so abwegig ist der Vergleich vielleicht gar nicht. Denn was hier vor meinen Augen entsteht, sind tatsächlich "heilige Stoffe", die irgendwann einmal in Kirchen und Kapellen die Gläubigen durch das Kirchenjahr begleiten werden.

Ich bin zutiefst beeindruckt und seltsam berührt: Die Stick- und Webarbeiten, die die Frauen hier mit bewundernswerter Ruhe und unendlicher Sorgfalt ausführen, stehen in einer langen und ehrwürdigen Tradition - altüberlieferte Handwerkstechniken, die heute teils kaum noch gelehrt werden. Die Techniken mögen alt sein, die Motive, die dabei langsam Gestalt annehmen, wirken auf mich frisch und gegenwärtig.

Vielleicht ist es diese Mischung aus Tradition und Moderne, die den Stoffen ihre intensive Ausstrahlung verleiht. Vielleicht ist es auch das im besten Sinne Unzeitgemäße des Ortes. Statt Schnelligkeit, Laustärke und Hektik herrschen hier Gemessenheit, Ruhe und Konzentration. Die Produkte, die dann nach vielen Arbeitsstunden einmal die Werkstatt verlassen, sind langlebig und kostbar. Heilige Stoffe eben, die den Geist ihrer Entstehung in sich tragen.


15:30 Uhr - Dienstag
Bild vergrößern
Auch Erwachsene begeistern sich für Spielzeug: Annette Behnken hat eine kleine Nonnen-Figur entdeckt.

Beim Rumstöbern im Klosterbüro bemerke ich eine kleine Figurengruppe. Na nu, eine davon kenne ich doch: Martin Luther, als Playmobilmännchen. Den habe ich auch, wie wahrscheinlich viele Pastoren und Pastorinnen. Um ihn herum stehen sinnigerweise drei Nonnen. Welche von denen wohl Katharina von Bora ist, Luthers Frau, die vor der Eheschließung als Klosterfrau gelebt hat? Die andere Playmobilfigur? Würde passen. Oder doch die Origami-Nonne? Nein, ganz bestimmt die dritte. Schließlich hat Luther seine Frau scherzhaft "Herr Käte" genannt, und die hier ist tatsächlich ein ganzes Stück größer als der Miniatur-Reformator. Außerdem quietscht sie, wenn man sie drückt.


12:15 Uhr - Dienstag
Das Handauflegen zeigt Wirkung: Annette Behnken fühlt sich nach der Portion Energie erholt.

So ein Klosterküchendreh kann ganz schön anstrengend sein. Zwischendurch bräuchte ich mal jemanden, der mir meine Energiereserven wieder auffüllt. Anscheinend geht das wirklich: Unsere Maskenbildnerin Anke erzählt mir, dass sie "Reiki" beherrscht. Das Wort stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie "universelle Lebensenergie". Durch eine bestimmte Technik des Handauflegens soll es möglich sein, diese Energie zu übertragen. In einer Drehpause probieren wir das aus. Tatsächlich: An den berührten Hautpartien wird es warm und die Wärme strömt durch den ganzen Körper. Was da genau passiert, weiß ich auch nicht. Auf jeden Fall fühle ich mich hinterher tatsächlich besser - irgendwie erholt.


09:30 Uhr - Dienstag
Da staunt Annette Behnken: Bei Inge Friedrich und Bärbel Weihe sitzt in der Küche jeder Handgriff.

Der zweite Drehtag im Kloster St. Marienberg in Helmstedt. Es ist 9.30 Uhr und ich stehe am Herd mit der Konventualin Bärbel Weihe. Die ist hier das Organisationstalent und hält auch beim Kochen alle Fäden in der Hand. Es gibt Gurken-Apfel-Möhren-Salat, Schweinefilet und zum Nachtisch eine Quarkspeise. Klingt erstmal nicht so kompliziert, denke ich. Bei mir zuhause muss Kochen meist schnell gehen und was auf den Tisch kommt, darf nicht allzu anspruchsvoll sein. Meine beiden Töchter würden sonst rebellieren: Spaghetti mit Ketchup, Pfannkuchen, Buchstaben-Nudelsuppe, das ist das, was die beiden mögen - so wie wahrscheinlich viele andere Kinder in dem Alter.

Bild vergrößern
Mit ein paar Tricks und Kniffen wird ein schmackhaftes Menü gezaubert.

Auch das, was Bärbel Weihe hier mit den anderen Konventualinnen zaubert, sieht in der Zubereitung nicht schwierig aus. Aber als ich den ersten Löffel probiere, zeigt sich, es schmeckt nach viel, viel mehr. Na klar: Die Damen haben alle mal einen eigenen Haushalt geführt oder tun es noch, haben auf dem eigenen Bauernhof oder im Job ihre Frau gestanden und nebenbei eine Familie versorgt. Da war nicht unbegrenzt Zeit zum Kochen übrig. Schmecken musste es trotzdem. Ich kenne das noch gut von den Landfrauen aus meiner eigenen Verwandtschaft. In kurzer Zeit aus scheinbar einfachen Rezepten ganz viel machen, und das jeden Tag. Das ist die Schule, durch die auch Bärbel Weihe, Marga von Dewitz und die anderen hier gegangen sind. Für den letzten Pfiff gibt es dann noch den einen oder anderen Landfrauen-Trick: Hier ein Schuss Zitronensaft, dort ein Spritzer Calvados. Vielleicht kann mich mir da für zuhause ja noch was abgucken.


14:30 Uhr - Montag
Hübsche Priester aus dem Vatikan: An dem Kalender findet auch Annette Behnken Gefallen.

Wer hätte das gedacht: Ein katholischer Kalender aus dem Vatikan in einem evangelischen Frauenkloster in Deutschland. Den blättere ich gleich mal durch. Selbstverständlich aus rein theologischem Interesse: zwölf Priester, alle jung und hübsch - die optische Crème de la Crème des klerikalen Nachwuchses sozusagen. In römischen Souvenir-Läden ist der "Calendario Romano" ein echter Bestseller und die Damen des Konvents amüsieren sich augenzwinkernd über das Interesse, das der Kalender bei Besucherinnen und Besuchern des Klosters weckt.


12:00 Uhr - Montag
Bild vergrößern
Mechtild von Veltheim (2.v.l.), die Domina des Klosters empfängt Annette Behnken.

Bei den Klosterdamen von St. Marienberg in Helmstedt: Der Empfang ist unglaublich herzlich und ganz locker. Dass ich mich erstmal ins Gästebuch eintrage ist Ehrensache. Dass ich ihnen den Segen von ganz oben wünsche, versteht sich sowieso. Für all ihre Visionen und Pläne. Die haben die Damen nämlich wirklich. Gerade bauen sie ihr Haus um. Der Raum, in dem ich sitze, ist eben erst fertig geworden. Ein Konvent im Aufbruch, von Amtsmüdigkeit keine Spur. Ich bin beeindruckt.


09:00 Uhr - Montag
Frieren am Morgen: Annette Behnken ist froh darüber, gleich ins Warme zu dürfen.

Helmstedt kann im Winter ziemlich kalt sein. Und ich bin heilfroh, dass mein erster Drehtag diesmal nicht draußen stattfindet, sondern innerhalb Mauern des alten Klosters St. Marienberg, das hier seit fast 900 Jahren von einem Hügel auf die Dächer der einstigen Zonengrenzstadt hinabblickt.

Kloster mit eigener Werkstatt

Bild vergrößern
Annette Behnken schaut sich einen Habit an, der in der Kloster-Werkstatt entstanden ist.

Das Kloster mag ja alt sein, aber die Konventsdamen, die den Betrieb am Laufen halten, wirken ganz schön frisch. Stolz präsentieren Bärbel Weihe und die Domina - so heißt in Helmstedt die Äbtissin - Mechtild von Veltheim mir ihre Gewänder. Alles im Kloster selbst entworfen und in der eigenen Werkstatt hergestellt. Ich staune über den schlichten, eleganten Schnitt und muss daran denken, wie es sich angefühlt hat, als ich das erste Mal meinen Talar trug. Damals bei meiner Ordination zur Pastorin, vor zwölf Jahren in einer Kirche bei Hannover, die viel jünger und nüchterner war als dieses ehrwürdige Kloster. Damals hatte ich das Gefühl: Mit dem Überstreifen des Kleidungsstücks, das von da an mein Amtskleid sein sollte, werde ich Teil einer Tradition, die älter und mächtiger ist als ich selbst. Das Gefühl habe ich noch heute, wenn ich den Talar anziehe, und genauso beschreiben es auch Mechtild von Veltheim und ihre Konventualinnen: "Man geht anders und man steht anders, wenn man den Habit trägt." Das Ich tritt zurück und stellt sich in den Dienst von etwas Größerem.

Dieses Thema im Programm:

09.04.2017 | 15:00 Uhr