Stand: 30.11.2016 14:00 Uhr

Annettes Klosterküchen-Blog aus Frenswegen

Dreharbeiten für die nächste Folge Klosterküche aus Frenswegen mit Annette Behnken. Im Blog schildert die Pastorin ihre persönlichen Erfahrungen vom Dreh. Das NDR Fernsehen sendet die Ausgabe am 23. Dezember um 14 Uhr.


14:00 Uhr - Mittwoch

Langsam neigt sich unser Aufenthalt in Frenswegen dem Ende zu und ich bin fast ein bisschen traurig. Im Lauf der vergangenen drei Tage sind mir die Menschen hier wirklich ans Herz gewachsen. Anscheinend ist dieses Gefühl nicht einseitig. "Ich vermiss euch jetzt schon", sagt Birgit, die Geschäftsführerin des Klosters, als wir unsere Sachen packen. Ja, so empfinde ich das auch, und ich frage mich, woran es liegt, dass uns bestimmte Orte und Menschen in kurzer Zeit nahekommen können. So nahe, dass wir einen kleinen Stich empfinden bei dem Gedanken, dass man sich so schnell nicht wiedersehen wird.

Bild vergrößern
Gemeinsame Aktion zum Schluss: Annette Behnken pflanzt mit Mitarbeitern eine Eiche im Klostergarten.

Als ich am letzten Drehtag gemeinsam mit einigen Ehrenamtlichen eine Eiche im Klostergarten pflanze, hält sich keiner lange mit Höflichkeitsfloskeln auf. "Wir duzen uns hier alle", sagt Herr Schulten, einer der ehrenamtlichen Gartenhelfer, die sich hier "Beetbrüder" nennen, und reicht mir mit einem Augenzwinkern den Spaten. Er sei der Bernd. Die andern beiden heißen Susanne und Wilma. Na gut, denke ich, dann hat Frau Behnken heute Pause. Hier ist Annette gefragt. Es ist diese Mischung aus unverstellter Direktheit und Herzlichkeit, die mir den Abschied schwer werden lässt. Aber das ist nicht alles. Was mich besonders beeindruckt, ist der Geist der Toleranz der hier im Haus der sechs Konfessionen das Miteinander bestimmt. Egal ob im täglichen Umgang, bei den Andachten oder bei der Arbeit - überall spürt man bei allen Gemeinsamkeiten einen Respekt vor dem Anderssein der oder des Anderen. Für die Frensweger scheint das selbstverständlich zu sein. "Aber es ist kostbar", sagt mir der reformierte Pastor Reiner Rohloff. "Das sollten wir uns immer bewusstmachen."


10:30 Uhr - Mittwoch

Mein letzter Drehtag, und es ist still geworden um uns. Eigentlich erwartet man das ja ohnehin in einem Kloster, aber nicht so in Frenswegen. Zwei Tage tobte hier das Leben. Rund neunzig Gäste waren gleichzeitig mit uns da, darunter viele kleine Kinder, die mit fröhlichem Geschrei über die Kreuzgänge rannten und mit großen Augen unsere Kameras und Mikrophone anstaunten. Jetzt sind alle weg, und still ist es nicht nur auf den Gängen, sondern auch in mir und das hat seinen Grund. Ich habe heute die jüdische Geschichtswerkstatt des Klosters besucht, einem kleinen Raum im oberen Kreuzgang, wo an das einst reiche jüdische Leben in der Region erinnert wird. Mich hat die Kultur unserer älteren Schwesterreligion schon immer fasziniert. Die hebräische Sprache und die religiösen Kultgegenstände, von denen es hier einige zu sehen gibt: einen Gebetsschal, den Teller für das Passamahl, den siebenarmigen Leuchter - die Menora.

Bild vergrößern
In der Geschichtswerkstatt geben Bilder, Briefe und Lebenszeugnisser Einblick in das Leben jüdischer Mitbürger in der Grafschaft.

Was mich jedoch besonders bewegt hat, sind die Zeugnisse der vollständigen Vernichtung der hiesigen jüdischen Kultur im Dritten Reich. Ich erfahre von dem erschütternden Schicksal einer Frau, die acht KZs überlebt hat, aber auch Geschichten von mutigen Menschen, die den Verfolgten geholfen haben. Die Namen der Vielen, die nicht überlebt haben, sind auf einem Stein eingraviert, der schwer in meiner Hand liegt. Der ungeheure Verlust an menschlichem Leben wird im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Fassen kann ich ihn nicht. Betroffen und in mich gekehrt verlasse ich den Erinnerungsraum wieder und schließe leise die Tür hinter mir.


13:30 Uhr - Dienstag

Kochen kann großen Spaß machen, aber im Grunde ist es etwas, das man für andere tut. Schließlich soll das, was ich zubereite, nicht nur mir selbst, sondern vor allem meinen Gästen schmecken. Das wird mir mal wieder klar, als wir uns an die Zubereitung des Hauptgerichts machen. Es gibt Wildschweinbraten mit Rotweinsoße. Das Tier wurde hier in der Nähe geschossen. Ein eben noch ein lebendiges Geschöpf, von dem ein Teil jetzt hier vor mir auf der Arbeitsplatte liegt, um zubereitet und anschließend verzehrt zu werden. Ich gebe zu, ich habe damit so meine Probleme. Der gedankliche Sprung vom Lebewesen zum Lebensmittel funktioniert in meinem Kopf nicht so ohne Weiteres. Kein Wunder, dass ich zu Hause selten mit Fleisch koche.

Bild vergrößern
Schmackhaftes Weihnachtsgericht aus der Klosterküche Frenswegen: Wildschweinbraten mit Rotkohl.

Zum Glück nimmt Klosterköchin Jetti Heerspink die Sache in ihre resoluten Hände. Sie reibt das Fleisch mit Pfeffer, Rosmarin, Thymian, Knoblauch und Öl ein und legt es zum Anbraten in die Pfanne. Zwiebeln und Möhren kommen dazu. Dann wird mit Rotwein und Brühe abgelöscht. Es duftet herrlich. Und dann passiert es doch: Das einstige Lebewesen verwandelt sich vor meinen Augen in ein appetitlich aussehendes Hauptgericht. Mal sehen, vielleicht werde ich ja doch ein Stück probieren.


10:00 Uhr - Dienstag

Mein zweiter Tag im Kloster und endlich geht es ans Kochen. Zehn Münder wollen satt gemacht werden. Dann mal los! Wenn ich mit anderen in der Küche stehe, weiß ich nie was kommt. Werkeln wir einfach konzentriert nebeneinander her oder entsteht so etwas wie eine Gemeinschaft am Herd? In Frenswegen hat Teresa, unsere fähige Requisiteurin, die historische Küche eines Nebengebäudes mit alten Tischen, Schränken und jeder Menge Töpfe, Schüsseln, Schalen, Messern ausgestattet. Das Ganze ist nicht nur praktisch, sondern sieht auch noch toll aus.

Bild vergrößern
Gemeinsam kochen: Annette Behnken empfindet dabei einen "magischen Moment".

Mit mir am Herd stehen Jetti, die Küchenchefin, und Birgit, die Geschäftsführerin des Klosters. Jetti und Birgit kennen sich schon seit ihrer Kindheit, gingen dann aber getrennt Wege. Birgit tourte als Orchestermanagerin quer durch Deutschland, während Jetti, die gelernte Hauswirtschafterin, in der Grafschaft Bentheim die Stellung hielt. Hier im Kloster haben sie sich dann wiedergetroffen. Die beiden verstehen sich super und das färbt auch auf mich ab. Die erste Aufgabe lautet "Rotkohl mit Cranberrys" - und die schweißt uns gleich zusammen. Das rohe Gemüse wehrt sich dagegen, in feine Streifen geschnitten zu werden. Birgit und ich schaffen es nur mit vereinten Kräften, angefeuert von Jetti, die die Fäden in der Hand hält. Wir müssen lachen und kurz habe ich das Gefühl, als wären wir alte Freundinnen, die sich nach langer Zeit mal wieder getroffen haben. Ein irgendwie magischer Moment. Vielleicht ist das der Sinn, wenn wir gemeinsam kochen.


14:00 Uhr - Montag

Im Laufe des Tages komme ich mit zwei Jugendlichen ins Gespräch, die das Programm "Kloster im Alltag" mitmachen. Johanna und Nicolas, 17 und 16 Jahre alt, verbringen eine Woche gemeinsam mit Gleichaltrigen im Kloster. Sie gehen von hier aus zur Schule und unterwerfen sich freiwillig einem, wie ich finde, ziemlich strengen Tagesablauf, inklusive regelmäßiger Gebete und frühem Zubettgehen. Wir reden darüber, wie es sich anfühlt, mal aus dem Alltagstrott auszusteigen, auf Partys und Smartphones zu verzichten. Johanna meint, sie habe sich das viel schlimmer vorgestellt: "Wenn man im Kloster wohnt, ist es irgendwann normal, um sechs Uhr früh zur Andacht zu gehen."

Bild vergrößern
Annette Behnken erfährt, dass die Jugendlichen von heute weniger rebellisch sind.

Nicolas gibt zu, dass seine Freunde zunächst befremdet von dem waren, was er hier tut. "Die fanden das irgendwie lächerlich." Inzwischen hätten sie sich wohl daran gewöhnt, glaubt er. Ich bin ich überrascht, wie ernsthaft die beiden von ihren Erfahrungen erzählen. War ich auch so in dem Alter? Bestimmt nicht. Als Pastorentochter war ich eher rebellisch, habe alles hinterfragt, was andere mir über Kirche oder Glauben erzählten wollten. Anscheinend ist das Lebensgefühl der heutigen Generation ein ganz anderes. Oder liegt es an der Umgebung, der friedlichen Atmosphäre hier im Kloster, dass ich bei Johanna und Nikolaus, kaum etwas von dem spüre, was mich damals umgetrieben hat? Vielleicht ist es ja sinnlos geworden, alles in Frage zu stellen, wenn man kaum noch auf Widerstand stößt. Jedenfalls Fall hat mich die Begegnung mit den beiden sehr nachdenklich gemacht.


05:30 Uhr - Montag
Bild vergrößern
Start in einen Drehtag: Annette Behnken lässt sich in der Maske schminken.

Mein erster Drehtag im Kloster Frenswegen. Um sechs Uhr soll es losgehen. Das heißt für mich: um halb fünf raus aus den Federn. Duschen, frühstücken und ab in die Maske. Nicht ganz meine Zeit, aber was soll's! Wie immer am Anfang eines Drehs bin ich gespannt, was ich hier erleben werde, auf den Ort und natürlich die Menschen. Auf dem Programm steht eine Morgenandacht in der Klosterkapelle. Als ich vor Kälte bibbernd an der Klosterpforte ankomme, gibt es gleich die erste Überraschung: Ich kenne Christa, die evangelische Pastorin, die hier arbeitet. Aber woher bloß? Christa betreut eine Gruppe Jugendlicher, die eine Woche lang in Frenswegen leben. Kloster im Alltag heißt das Ganze und es geht um eine "Alphabetisierung im Glauben".

Bild vergrößern
Fertig zum Dreh: Annette Behnken in einem Klostergang in Frenswegen.

Klingt interessant, aber was soll das heißen? Das Wissen um Glaubensinhalte sei heute oft verschüttet, meint Christa. "Im Kloster kann man solche Dinge wieder konkret erfahren." Während sie erzählt, weiß ich plötzlich, woher wir uns kennen. Vor gefühlt 100 Jahren im Vikariat in Hildesheim war sie meine Vorgängerin. Leider erkennt sie mich nicht mehr. Schade! Trotzdem ist es schön, hier ein bekanntes Gesicht zu treffen. Später in der Klosterkapelle, als alle im Kreis zusammenstehen, verstehe ich, worum es ihr geht: Die Andacht ist kurz und schlicht. Christa fragt die Jugendlichen, was sie gerade bewegt. Nichts Abgehobenes, sondern ganz konkrete Dinge. Von Bio-Arbeit bis Fußball ist alles dabei. Hinter den großen Glasscheiben wird es langsam hell. Die Stimmung ist feierlich. Man spürt eine tiefe Vertrautheit und echtes Gemeinschaftsgefühl.

Rückblick

Klosterküche - Kochen mit Leib und Seele

Kohlrouladen zweierlei Art, gefüllte Fenschelschiffchen oder Quark-Spekulatius-Himbeer-Dessert: schmackhafte Rezepte aus der Sendung Klosterküche zum Nachkochen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Klosterküche | 23.12.2016 | 14:00 Uhr