Stand: 20.05.2016 10:05 Uhr

Jugendoffiziere wollen gerne anders heißen

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Im Moment gibt es bei der Bundeswehr etwa 90 Jugendoffiziere.

Jugendoffiziere gibt es in der Bundeswehr schon seit rund 50 Jahren. Ihre Aufgabe ist es, die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik in der Öffentlichkeit zu erläutern. Zunächst waren sie zugleich auch für die Nachwuchsgewinnung zuständig - das wurde aber schon bald verboten.

In der Bundeswehr gibt es rund 90 Jugendoffiziere, die in der Regel den Dienstgrad Hauptmann oder Kapitänleutnant haben. Einige Stellen sind zurzeit nicht besetzt. Jedes Jahr ziehen sie in einem Jahrbuch eine Bilanz ihrer Arbeit. 2015 haben die Jugendoffiziere rund 5.500 Veranstaltungen durchgeführt, bei denen knapp 150.000 Menschen erreicht wurden.

Große Bemühungen, große Enttäuschung

Zwei Jahre lang bemühten sich die Jugendoffiziere um einen neuen Tätigkeitsbegriff. Sie befragten ihre Zielgruppe, Lehrer und Schüler, und entwickelten Alternativen. Doch die Bemühungen waren vergeblich. Das Verteidigungsministerium lehnte eine Umbenennung ab. Die Enttäuschung bei manchen Betroffenen war umso größer, da sie anfänglich den Eindruck hatten, die Vorgesetzten würden ihre Initiative begrüßen. Einige fühlten sich durch das Ministerium geradezu ermuntert, weil es beispielsweise keine Kosten für eine eigene Umfrage zu diesem Thema scheute.

Politische Bildung statt Rekrutierung

Grundlage für die Arbeit der Jugendoffiziere ist die Zentrale Dienstvorschrift A-600/1 der Bundeswehr. Danach sollen sie zu sicherheitspolitischen Grundsatzfragen in der Öffentlichkeit Stellung nehmen. In dem Jahresbericht 2015 heißt es zu den Aufgaben des Jugendoffiziers:

"Er ist mit seinem Informationsangebot im weitesten Sinne in der politischen Bildung tätig. Er nimmt Stellung zu militärischen und sicherheitspolitischen Grundsatzfragen im Sinne der Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland, verdeutlicht hauptsächlich der jungen Generation die Grundlagen des (seit 1. Juli 2011 freiwilligen) Wehrdienstes. Dies geschieht in Form von Gesprächen, Seminaren, Vorträgen oder Podiumsdiskussionen. (...) Der Jugendoffizier/-unteroffizier betreibt keine Nachwuchswerbung." Aus dem Jahresbericht 2015

Missverständnisse an Schulen

Jugendoffiziere besuchen auf Einladung auch Schulen, um im Rahmen der politischen Bildung die sicherheitspolitischen Positionen der Bundesrepublik zu erläutern. Von Kritikern werden Auftritte von Jugendoffizieren an Schulen nicht selten als ein Versuch gesehen, Schülerinnen und Schüler für die Bundeswehr zu rekrutieren. Das aber ist ein Missverständnis. Denn die Rekrutierung gehört schon lange nicht mehr zu den Aufgaben der Jugendoffiziere. Zuständig hierfür sind andere Stellen der Bundeswehr: die sogenannten Karriere-Büros oder Karriere-Center.

Allerdings gibt es solche Missverständnisse offenbar gelegentlich auch bei der Bundeswehr. So soll es beispielsweise vorgekommen sein, dass ein Kommandeur einen Jugendoffizier aufgefordert hatte, am Tag der Offenen Tür den Karriereberater zu unterstützen. Der Jugendoffizier musste daher darauf hinweisen, dass eine solche Maßnahme nicht zulässig sei.

Warum wird eine Umbenennung angestrebt?

Interview
02:42 min

Vagt: Wir erreichen viele Menschen nicht mehr

Der Jugendoffizier Sebastian Vagt ist enttäuscht, dass das Verteidigungsministerium nicht zu einer Umbenennung bereit ist. Man komme nicht mehr mit Bürgern ins Gespräch. Audio (02:42 min)

Aus Sicht der Jugendoffiziere ist der Begriff "Jugendoffizier" für die eigene Arbeit mittlerweile zu einem Hindernis geworden. Laut Umfragen verbindet eine große Mehrheit damit entweder Nachwuchswerbung oder aber die Vorstellung, dass es sich quasi um "Junior-Offiziere", also Offiziere in der Ausbildung, handelt. Der Berliner Jugendoffizier Sebastian Vagt sieht darin ein Hindernis für den Auftrag der Soldaten, den Dialog über sicherheitspolitische Fragestellungen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Hinzu kommt, dass sich die Alterstruktur der Zielgruppe verändert hat. Der Anteil der sogenannten Multiplikatoren, also zum Beispiel Parteien- oder Gewerkschaftsvertreter, hat sich seit 2006 erhöht - von sechs auf inzwischen 24 Prozent. Das heißt, dass heute jeder vierte Teilnehmer der Veranstaltungen von Jugendoffizieren kein Schüler mehr ist.

Was sind die Alternativen?

Interview
02:24 min

Rohmann für "Offizier für Öffentlichkeitsarbeit"

Hauptmann Patrick Rohmann hat die Arbeitsgruppe "Umbenennung" der Jugendoffiziere geleitet und eine Befragung organisiert. Er favorisiert den Namen "Offizier für Öffentlichkeitsarbeit". Audio (02:24 min)

Wenn die Jugendoffiziere die gegenwärtige Bezeichnung ablehnen, wie wollen sie künftig genannt werden? Aus ihrer Sicht sollte der Begriff die Tätigkeit treffend und ehrlich beschreiben, "wer wir sind und was wir tun. Wir dürfen unsere Identität als Offiziere nicht verschleiern", sagt Kapitänleutnant Vagt. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe "Umbenennung" haben daher mehrere Vorschläge gemacht. Hierzu gehören unter anderem die Bezeichnung "Offizier für Öffentlichkeitsarbeit" oder "Referent für Sicherheitspolitik". Der Leiter der Arbeitsgruppe, Hauptmann Patrick Rohmann, hat eine klare Präferenz: "Offizier für Öffentlichkeitsarbeit". Er verweist dabei unter anderem auf eine Befragung von 1.600 Schülern und Lehrern.

Jugendoffizier als "Marke"?

Das Bundesverteidigungsministerium lehnt eine Umbenennung ab. Es hatte zuvor eine eigene Umfrage in Auftrag gegeben. Das Ergebnis ähnelt der Befragung durch die Jugendoffiziere. Trotzdem hält das Ministerium an der Bezeichnung Jugendoffizier fest. Auf Anfrage von NDR Info teilte eine Sprecherin mit, die "Marke Jugendoffizier" sei in der Politik etabliert.

Antwort des Verteidigungsministeriums (Auszug)

"Die Marke 'Jugendoffizier' ist im politischen Raum sowohl bei Befürwortern wie Kritikern der Tätigkeit etabliert. Der Begriff wird im Koalitionsvertrag der 18. Legislaturperiode verwendet. Der Neuaufbau einer Marke würde aus Sicht des BMVg einen unverhältnismäßig hohen Aufwand bedeuten. Der von den Jugendoffizieren vorgeschlagene Begriff 'Offizier für Öffentlichkeitsarbeit' ist im Verständnis der Bundeswehr umfassender als das Aufgabenfeld der Jugendoffiziere. (...) Die Akzeptanz von Jugendoffizieren an Schulen setzt eine strikte Abgrenzung von personalwerblichen Maßnahmen voraus. Da die Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit auch personalwerbliche Aspekte enthalten können, würde die Verwendung des Begriffs 'Referent für Öffentlichkeitsarbeit' in der argumentativen Auseinandersetzung mit der Arbeit der Jugendoffiziere unscharf werden."

Das Fazit des Verteidigungsministeriums: Es gebe keine klare Alternative zum bisherigen Begriff "Jugendoffizier".

Angst vor einer Diskussion?

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Diskussion auf Augenhöhe: Ein Jugendoffizier auf dem Podium mit Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU/2.v.l).

Für die Jugendoffiziere sind die Ablehnungsgründe des Verteidigungsministeriums nicht überzeugend. Es gibt die Spekulation, die Bundeswehr wolle eine erneute Diskussion über die Rolle der Jugendoffiziere an Schulen vermeiden. Vor einigen Jahren waren drei Schulen mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet worden, weil sie sich gegen die Präsenz der Bundeswehr ausgesprochen hatten. In den Medien war unter anderem von einem Hausverbot für Jugendoffiziere die Rede. Eine Schule hatte den Preis abgelehnt. Eine Umbenennung, so möglicherweise die Befürchtung im Verteidigungsministerium, könnte diese Diskussion erneut befeuern.

Rückendeckung von Politikern

Interview
13:45 min

Nachtwei: "Der Begriff passt nicht mehr"

Für den langjährigen Verteidigungsexperten der Grünen, Winfried Nachtwei, erweckt die Bezeichnung Jugendoffizier falsche Assoziationen. Das sagte er im NDR Info Interview. Audio (13:45 min)

Die Bundeswehrführung hat die Initiative der Jugendoffiziere verworfen. Unterstützung erhalten sie für ihr Vorhaben jedoch von mehreren Verteidigungspolitikern. Agnieszka Brugger von der Bundestagsfraktion der Grünen hält die Bezeichnung Jugendoffizier für irreführend. Und der Grünen-Politiker Winfried Nachtwei, langjähriger Verteidigungsexperte im Bundestag und Mitglied im Beirat Innere Führung, hält die Bezeichnung "Offiziere für Sicherheitspolitik" oder "Referent für Sicherheitspolitik" für eine "wirklichkeitsnähere Beschreibung dicht an der Aufgabenstellung".

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Streitkräfte und Strategien

Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 21.05.2016 | 19:20 Uhr