Stand: 30.01.2014 16:45 Uhr

Angst vor den Taliban

von Christoph Heinzle, NDR Info
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Mehr als 1.000 Ortskräfte arbeiten für die Bundeswehr in Afghanistan - unter anderem als Dolmetscher oder Fahrer.

Die ersten bedrohten Ortskräfte der Bundeswehr in Afghanistan haben nach Informationen von NDR Info die Aufnahme in Deutschland beantragt. Durch den Abzug deutscher Soldaten befürchten viele Dolmetscher, Fahrer und Arbeiter Repressalien, vor allem durch die Taliban. Doch die Informationen für die lokalen Mitarbeiter fließen nur spärlich. Und die Bundesregierung lehnt eine generelle Lösung für die potenziell Gefährdeten ab.

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Hohe Hürden für Ortskräfte

Die Antwort des Bundesverteidigungsministeriums auf eine Anfrage von NDR Info zu den Voraussetzungen für die Aufnahme afghanischer Ortskräfte. mehr

Dolmetscher fürchtet um sein Leben

Mohammed Hanif hat noch keinen Antrag gestellt, erwägt das aber. Er war eigentlich immer glücklich und zufrieden mit seiner Arbeit für die Deutschen. Sechs Jahre lang hat der 35-Jährige vor allem für die Bundeswehr in der nordafghanischen Unruheprovinz Kundus gearbeitet, unter anderem als Dolmetscher und Fahrer. Doch jetzt hat Hanif Angst - um sich und um seine Familie im Distrikt Char Darah, einer Hochburg der Taliban.

Öfter schon habe er Geld bezahlt für die Leute, die seine Familie bedroht hätten, erzählt der Afghane. "Und schon öfter wurde gesagt: Der Hanif muss aus den deutschen Organisationen raus, sonst werden wir ihn umbringen". Und wie wird das erst, wenn die Bundeswehr weitere Soldaten abzieht und das Feldlager in Kundus dichtmacht? Mohammed Hanif denkt jetzt über eine Umsiedlung nach Deutschland nach. Doch ob das gehen könnte und wie, das weiß er nicht. Nachfragen bei Arbeitskollegen und seinem Projektleiter liefen ins Leere. "Die haben genauso wenig Ahnung wie ich". Niemand habe die Ortskräfte offiziell informiert, was mit ihnen passieren soll.

Mangelhafte Kommunikation

Bernd Mesovic von der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl meint, die Bundesregierung habe das Thema nicht ernstgenommen, als es im vergangenen Jahr aufkam. Jetzt liegen die ersten drei Anträge von afghanischen Bundeswehr-Mitarbeitern vor, die sich bedroht fühlen und nach Deutschland wollen. Das bestätigte die Bundesregierung NDR Info. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte, bei den Antragstellern habe man "jedoch keine konkrete Gefährdung für Leib und Leben festgestellt", die sich "erheblich vom allgemeinen Gefährdungspotential in Afghanistan abgehoben" hätte oder "landesweit durch afghanische Sicherheitskräfte nicht abwendbar ist". Damit sind die Anforderungen des Ministeriums für eine Aufnahme der Betroffenen in Deutschland nicht erfüllt.

Informationspflicht der Bundeswehr

Doch andere Ortskräfte kamen angeblich gar nicht so weit, sondern seien bei der Deutschen Botschaft in Kabul abgeblitzt, sagte Mesovic. Und die Bundeswehr informiere die Betroffenen nicht aktiv: "Aus der Sicht der Ortskräfte wurde uns berichtet , dass nicht kommuniziert wird von Seiten der Bundeswehr, an wen man sich wenden kann und was man tun muss, wenn man sich bedroht fühlt." Das Auswärtige Amt erklärt, die Deutsche Botschaft informiere Antragsteller über ihre Möglichkeiten. Das Verteidigungsministerium erklärte auf Anfrage von NDR Info, es werde eine Einzelfallprüfung eingeleitet, wenn ein afghanischer Mitarbeiter sich konkret bedroht fühle und dies vorbringe, etwa in regelmäßigen Gesprächen. Pro Asyl verteilt jetzt ein Informationsblatt für Ortskräfte in Afghanistan, in dem die Hilfsorganisation unter anderem juristische Hilfe anbietet. Doch auch die Bundeswehr müsse potenziell gefährdete Mitarbeiter informieren, fordert der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Omid Nouripour. "Was hilft es, wenn die Leute davon nichts erfahren und am nächsten Tag passiert ihnen etwas Schlimmes, weil sie nicht geschützt sind, aber auch weil sie nicht wussten, dass sie woanders Schutz bekommen können."

Schon jetzt Bedrohungen

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Grünen-Verteidigungspolitiker Omid Nouripour sieht eine moralische Verpflichtung der Bundesregierung.

Die Bundesrepublik habe eine moralische Verpflichtung, den Menschen zu helfen, die ihr geholfen haben, meint Nouripour. Viele Probleme kämen erst noch, wenn die Bundeswehr weitere Einheiten abziehe. Doch manche Bedrohung ist schon konkret. Der Grünen-Politiker erzählt von afghanischen Bundeswehr-Mitarbeitern, die "von Aufständischen als Kollaborateure gebrandmarkt werden". Auch sei bereits das Kind eines Übersetzers entführt worden - "und zwar mit der Ansage: Wir entführen Dich, weil Dein Vater mit den Deutschen zusammenarbeitet". Bernd Mesovic von Pro Asyl fordert deshalb, konkret Bedrohte sofort außer Landes zu bringen.

Bundesregierung gegen Aufnahmeprogramm

Die in Afghanistan tätigen Ressorts seien sich der "Fürsorgepflicht gegenüber ihren afghanischen Mitarbeitern bewusst", erklärt das Bundesinnenministerium. "Sollte ausnahmsweise bei unseren ehemaligen Ortskräften der Fall eintreten, dass die individuelle Bedrohung ein unvertretbares Maß annimmt, wird die Option geprüft, dass diese Person mit einem zu definierenden Familienumfeld in Deutschland eine Heimat findet. Es wird dabei immer eine Einzelfallentscheidung geben." Eine generelle Lösung lehnt die Berliner Regierung weiterhin ab. Und das obwohl einige andere ISAF-Staaten bereits großzügige Aufnahme-Programme für Ortskräfte und deren Familien aufgelegt haben – die USA beispielsweise schon 2009.

Fürsorgepflicht der Bundeswehr

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Die Bundeswehr ist auch in Zukunft in Afghanistan auf lokale Mitarbeiter angewiesen.

Bei Pro Asyl hat man die Hoffnung auf eine ähnliche Lösung für Deutschland noch nicht aufgegeben. "Es ist ja nicht einzusehen, dass der Arbeitgeber Bundeswehr und die verantwortliche Bundesregierung nicht ihrerseits ein Verfahren zur Verfügung stellt, ein Aufnahmeprogramm etwa, um da weiterzuhelfen", so Mesovic. "Das wäre aus meiner Sicht die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers." Der Menschenrechtler vermutet hinter der Ablehnung einer generellen Lösung auch ein gewisses Kalkül. Schließlich wolle die Bundeswehr auch Mitarbeiter in Afghanistan halten, weil die Truppe trotz Reduzierung ja weiter auf lokale Mitarbeiter angewiesen ist. Und auf der anderen Seite wolle man nicht zugeben, "dass die Sicherheitslage nicht so gut ist, dass man die eigenen Leute nicht schützen kann".

Grüne warnen vor Folgen

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Leidet der Ruf der Bundeswehr durch ihren Umgang mit Ortskräften?

Komme Deutschland seiner Fürsorgepflicht nicht nach, dann hätte das schwerwiegende Folgen – für den Einsatz in Afghanistan und für andere Auslandsmissionen, warnt der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour. "Wenn die Bundesregierung Leuten, die der Bundeswehr geholfen haben, die Aufnahme verweigert, obwohl sie gefährdet sind, und sie werden dann umgebracht von Aufständischen, dann heisst das, dass man eigentlich in anderen Ländern überhaupt nicht mehr daran denken braucht, notwendige lokale Kräfte zu finden", so Nouripour. "Weil sie genau wissen, dass sie im Zweifelsfall alleine für sich stehen werden und dass die Zusammenarbeit mit den Deutschen einfach lebensgefährlich ist."

"Lassen Sie uns nicht im Stich"

Mohammed Hanif in Kundus hofft noch auf Hilfe und Schutz durch die Bundeswehr. Der Ex-Dolmetscher appelliert an die Deutschen: "Wir alle, die bei den deutschen Organisationen gearbeitet haben, wünschen uns, dass Sie uns nicht im Stich lassen. Und dass man für diese Leute eine Möglichkeit schafft, wie sie mit ihren Kindern und ihrer Familie wieder in Frieden und sicher leben können." Ob in Deutschland oder anderswo, sagt Hanif.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 25.01.2014 | 06:00 Uhr