Stand: 04.01.2017 18:09 Uhr

Rekord bei Übernahmen durch chinesische Investoren

von Matthias Zimmermann
Für 1,5 Milliarden Euro hat eine chinesische Holding den Stromerzeuger EEW Energy from Waste aus Helmstedt gakauft, hier die Müllverbrennungsanlage in Hannover.

Seit mehreren Monaten weht die chinesische Fahne vor dem Firmengelände der Müllverbrennungsanlage in Hannover-Lahe. Eine chinesische Holding hat die Anlage übernommen. Das Beispiel ist längst kein Einzelfall mehr in Niedersachsen. In Peking träumt die regierende Kommunistische Partei von der technologischen Weltspitze. Doch davon ist die chinesische Industrie mit wenigen Ausnahmen noch weit entfernt - sowohl in Sachen Qualität als auch beim Know-how. Ein Gegenmittel: die Übernahme deutscher Firmen.

Deutsche Firmen bei Chinesen beliebt

Im vergangenen Jahr haben chinesische Investoren so viel Geld für deutsche Firmen ausgegeben wie noch nie, auch in Niedersachsen. Die Unternehmensberatung EY (Ernst & Young) hat ermittelt, dass Investoren aus China und Hongkong von Januar bis Ende Oktober 2016 insgesamt 58 deutsche Firmen übernommen haben - 19 mehr als im Gesamtjahr 2015. Noch eindrucksvoller ist die Summe, die chinesische Investoren in dieser Zeit für diese Firmenkäufe ausgegeben haben: 11,6 Milliarden Euro, schätzt EY. Das ist gut 20 mal so viel wie 2015 und mehr als in sämtlichen Vorjahren zusammen.

Größte Investition aus China für Helmstedter Unternehmen

Drei Deals allein schlagen der Untersuchung zufolge mit gemeinsam mehr als sieben Milliarden Euro zu Buche: die Übernahme des Augsburger Industrieroboterherstellers Kuka, der auch Niederlassungen unter anderem in Wolfsburg und Braunschweig betreibt (4,6 Milliarden Euro), der Kauf des Maschinenbauers der KraussMaffei Gruppe (München/Hannover; 1,0 Milliarden) und der Kauf von EEW Energy from Waste (1,5 Milliarden), einem Hersteller und Betreiber von Müllverbrennungsanlagen aus Helmstedt. Es war die bis dahin größte chinesische Direktinvestition in ein deutsches Unternehmen.

Milliarden für Müllverbrenner

Die Anlage in Hannover-Lahe gehört zu 85 Prozent EEW Energy from Waste. Nach eigenen Angaben hat der Konzern 1.050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich etwa 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie verarbeiten. Sie erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete sowie Strom für rund 700.000 Haushalte. Rund 1,5 Milliarden Euro war das der chinesischen Holding Beijing Enterprises wert. Der Mutterkonzern Beijing Enterprises gehört der Stadtregierung von Peking. Die Holding besitzt verschiedene Firmen, unter anderem eine der größten Brauereien Asiens und eine der zehntgrößten Brauereien der Welt.

China strebt die Weltmarktführerschaft an

"China geht es um die Führung auf dem Weltmarkt - nicht ums schnelle Geld", erklärt Winfried Huck, Professor für Internationales Wirtschaftsrecht an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfenbüttel. Die Investoren würden sich in deutsche Unternehmen einkaufen, um an deren Know-How zu kommen. Dieses Fachwissen werde dann nach China gebracht, um Technologien zu verbessern. Die Weiterentwicklungen würden später als chinesische Patente angemeldet, meint Huck. "Die chinesische Wirtschaft vollzieht einen Wandel von billiger Massenproduktion hin zur High-Tech-Industrie."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 04.01.2017 | 08:00 Uhr