Stand: 11.08.2014 17:27 Uhr

Bereit für die Alten - auch in der Fabrikhalle

von Jens Brommann, NDR Info Wirtschaftsredaktion
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Der Autozulieferer Continental passt jeden Arbeitsplatz systematisch an die unterschiedlichen Bedürfnisse an.

Im Continental-Werk in Hannover-Stöcken forscht das Unternehmen und entwickelt seine Reifen. Prototypen werden mit Sägen aufgeschnitten und wie auf dem OP-Tisch messerscharf seziert und auf Materialfehler und Verschleiß geprüft. 200 Stück täglich. Ein Kraftakt. Ein LKW-Reifen wiegt bis zu 100 Kilogramm. Das geht auf die Knochen - besonders für diejenigen, die es über Jahrzehnte machen.

Jeder Arbeitsplatz systematisch analysiert

Doch dann begann Continental jeden Arbeitsplatz systematisch zu analysieren, um Überbelastungen zu erkennen und Arbeitshilfen zu erkunden. Davon profitiert auch Herbert Nowak, der seit 27 Jahren in der Forschungs-Werkstatt arbeitet: "Wir haben die Kräne, mit denen wir kleinere PKW-Reifen heben können. Das ist wunderbar", erklärt der 61-Jährige.

"Bei schweren Sachen helfen Hebevorrichtungen, das erleichtert uns ganz gewaltig die Arbeit. Dann haben wir noch verschiedene Schraubstöcke, die höhenverstellbar sind, auch für etwas größere Leute. Da ich aber etwas kleiner bin, muss ich manchmal trotzdem noch auf einen Tritt steigen, um genauer sehen zu können."

Und der genaue Blick ist unerlässlich, wenn feinste Haarrisse begutachtet werden sollen. Deshalb hat Conti für die Mitarbeiter in der Werkstatt auch ein neues Beleuchtungssystem eingebaut - und eine Schallschutzisolierung gegen den zermürbenden Lärm. "Das war sehr, sehr laut in der Werkstatt. Durch die Schalldämmung ist es eins a geworden", freut sich Nowak.

Und davon profitieren nicht nur der Nowak, sondern auch die jüngeren Kollegen im Werkstatt-Team. Das ist entscheidend, wenn Menschen ohne gesundheitliche Strapazen bis zum Rentenalter arbeiten sollen, sagt der Ergonomie-Leiter des Conti-Konzerns, Klaus Dieter Wendt.

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Ergonomie-Leiter Klaus Dieter Wendt kümmert sich um die Bedürfnisse der Mitarbeiter.

"Die Plätze für die Jüngeren müssen so gestaltet werden, dass sie dann, wenn sie 50, 55 sind, keine gesundheitlichen Probleme haben", erklärt er. "Das heißt, der Fokus müsste eigentlich bei einer guten Demografievorbereitung auf dem Arbeitsplatz für den Jüngeren liegen, dass der keinen Schaden nimmt. Dass der 30, 40, 50 Jahre gesund arbeiten kann ohne Überlastung."

Arbeitsplatz-Ampel signalisiert Überlastung

Conti bewertet deshalb jeden Arbeitsplatz mit einer demografischen Ampel: Rot - Gelb - Grün. Eine rote Ampel signalisiert eine Überlastung am Arbeitsplatz für ältere Mitarbeiter. Dann sucht Wendt gemeinsam mit dem Produktionsteam nach möglichen Arbeitserleichterungen, die natürlich Geld kosten. "Es gibt mit Sicherheit immer ein finanzielles Hemmnis, wenn ich einen bestehenden Arbeitsplatz verändern muss", sagt er. "Aber wir haben immer wieder Situationen, wo eine Anlage neu beschafft werden muss, weil sie technisch nicht mehr den Anforderungen entspricht. Und wenn der Arbeitsplatz nicht für einen Älteren und einen Jüngeren im grünen Bereich ist, darf er nicht beschafft werden."

Positive Bilanz nach 10 Jahren

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Gruppenleiter Markus Ohn freut sich über die positiven Auswirkungen der altergerechten Gestaltung.

Doch die Kosten für die alternsgerechte Gestaltung der Arbeitsplätze zahlen sich für den Automobilzulieferer Continental aus: Denn die Produktivität steigt und der Krankenstand sinkt. Auch in der Forschungs-Werkstatt, wie Gruppenleiter Markus Ohn bilanziert: "Der Krankenstand bezogen auf Verletzungen oder Erkrankungen, die arbeitsbezogen sind, ist komplett zurückgegangen. Wir haben kaum noch Fälle, dass irgendjemand mal krank geworden ist, zum Beispiel wegen Sehnenscheidenentzündungen, dass er sich verhoben hat oder sonstige Sachen."

Nach knapp zehn Jahren ziehen die Conti-Manager mit ihrem Demografie-Programm eine positive Bilanz: Die mühsame Überzeugungsarbeit für altersgerechte Arbeitsprozesse lohnt sich für die Mitarbeiter und das Unternehmen.

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NDR Info | 12.08.2014 | 06:00 Uhr