Redezeit

Greifen wir zu schnell zu Medikamenten?

Dienstag, 12. September 2017, 21:05 bis 22:00 Uhr

Verschiedene Medikamente © Normann Hochheimer/CHROMORANGE

Greifen wir zu schnell zu Medikamenten?

NDR Info - Redezeit -

Wer Medikamente regelmäßig einnimmt, kann süchtig werden. Oft verlieren auch Ärzte den Überblick darüber, wie sich verschiedene Arzneien gegenseitig beeinflussen.

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Von Risiken und Nebenwirkungen

Das Studio der Redezeit.

Greifen wir zu schnell zu Medikamenten?

NDR Info - Redezeit -

Greifen wir in der Leistungsgesellschaft viel zu schnell zu Medikamenten? In der Redezeit haben Experten Fragen zum Thema beantwortet. Die Sendung gibt's hier als Videomitschnitt.

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Von der Kopfschmerztablette bis zum Antidepressivum - in Deutschland wird oft zur Tablette gegriffen. Manchmal auch zu oft. Zwei Millionen Menschen gelten als tablettensüchtig. Werden die Risiken unterschätzt? Und wie kommt man aus einer Abhängigkeit wieder raus? "Von Risiken und Nebenwirkungen - Greifen wir zu schnell zu Medikamenten?" war am Dienstag (12.09.2017) das Thema der NDR Info Redezeit in Kooperation mit der NDR Info Radio-Visite und der NDR Fernsehsendung Visite. Redezeit-Moderatorin Ulrike Heckmann begrüßte als Gäste Prof. Dr. Gerd Glaeske (Gesundheitswissenschaftler am Zentrum für Sozialpolitik und Gesundheitsökonomie, Uni Bremen) und Dr. Rüdiger Holzbach (Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin am Klinikum Arnsberg)

Eine Zusammenfassung von Sylvia Buckl

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Dr. Gerd Glaeske ist Gesundheitswissenschaftler am Zentrum für Sozialpolitik und Gesundheitsökonomie, Uni Bremen.

Greifen wir zu schnell zu Medikamenten? Verschrieben und verkauft wird viel - im Durchschnitt 18 Packungen Medikamente pro Einwohner jährlich. Das sind häufig Arzeimittel, die wegen chronischer Erkrankungen genommen werden. "Aber wir haben auch immer wieder Arzneimittel in diesem Umfeld, die tatsächlich auch ein Potenzial haben, auf Dauer zu Gewöhnung oder letzten Endes auch zu Abhängigkeit zu führen. Ich glaube, dass diese unerwünschten Wirkungen oftmals zu wenig beachtet werden", sagt der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske von der Uni Bremen.

Benzodiazepine und Z-Substanzen sind riskant

Riskant sind vor allem Benzodiazepine und Z-Substanzen, die als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt werden. Sie machen noch schneller abhängig als Alkohol. Länger als maximal vier Wochen sollte man solche Medikamente nicht nehmen, warnt Rüdiger Holzbach. Er ist Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin am Klinikum Arnsberg. An der Uni Hamburg erforscht er, welche Ausmaße die Verschreibung potenziell abhängig machender Medikamente schon angenommen hat.

Umgang mit Medikamenten hat sich geändert

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Dr. Rüdiger Holzbach ist Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin am Klinikum Arnsberg.

Holzbach meint, dass sich der Umgang mit Medikamenten geändert hat. Das spiegele sich auch in der Fernsehwerbung. Um jederzeit fit und leistungsbereit zu sein, wird eben eine Tablette genommen. Holzbach schildert einen Dialog aus der Werbung: "Eine junge Dame abends am Telefon. Ihr Freund ruft an und sie schlägt ihm vor: Lass uns noch weggehen. Und er: Aber ich dachte, Du hast doch Kopfschmerzen. Und sie: Ja, aber ich habe doch mein Medikament. Und da kam auf einmal ein Medikament einfach für Freizeitgestaltung ins Spiel."

"Schmerzen zulassen oder unterdrücken?"

Wann muss man überhaupt zu Medikamenten greifen?, fragte in der NDR Info Redezeit der Hörer Fabian Schamey aus Hamburg: "Soll ich die Schmerzen zulassen oder soll ich die Schmerzen unterdrücken?" Bei chronischen Schmerzen mache es Sinn, das Medikament kontinuierlich zu nehmen, meint Holzbach. Die andere Frage: Muss das immer medikamentös behandelt werden? Da gebe es auch psychotherapeutische, schmerztherapeutische Ansätze. Das hänge wieder sehr von der Haltung des Betroffenen ab: "Was ist mir eigentlich sympathisch?"

Es können Entzugserscheinungen drohen

Der Suchtmediziner Holzbach kritisiert, dass heutzutage zu früh zu starken Schmerzmitteln gegriffen wird statt zu unbedenklichen Substanzen. Wie aber kommt man wieder weg von bestimmten Medikamenten? Insbesondere solche wie Valium, die stark auf Nervensystem und Psyche wirken, sollte man nicht abrupt absetzen, sonst drohen Entzugserscheinungen, sagt Glaeske: "Diese Entzugserscheinungen drücken sich darin aus, dass man sehr unruhig wird, aggressiv, schlechter schläft, dass der Blutdruck in Mitleidenschaft gezogen wird. Und darum soll man diese Mittel dem Körper langsam entziehen, das ist das Ausschleichen."

Der Pharmakologe Glaeske nennt dafür eine Faustformel: "Wenn man diese Mittel über drei Jahre genommen hat, braucht man etwa drei Monate, um wieder davon wegzukommen." Und: Die Dosierung langsam senken, das geht mit Tropfen besser als mit Tabletten.

Mitverantwortung der Patienten

Wer viele Medikamente gleichzeitig nimmt und sich fragt, ob das alles so gut und sinnvoll ist, dem raten die Experten: Lesen Sie den Beipackzettel genau und fragen Sie ihren Apotheker. Bringen Sie alle Pillen und Tropfen mit und lassen Sie sie begutachten. "Und es macht immer wieder Sinn, auch mal den Arzt zu fragen: Brauche ich dieses Mittel noch, brauche ich jenes. Also auch Patienten haben eine Verantwortung", sagt Holzbach.

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