Stand: 07.09.2017 18:10 Uhr

"Wenn's am schönsten ist, soll man aufhören!"

Allen Forderungen nach einem Ende der lockeren Geldpolitik zum Trotz hält die Europäische Zentralbank (EZB) am Nullzins und ihrem Anleihekaufprogramm fest. EZB-Präsident Mario Draghi kündigte bei einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main am Donnerstag aber mögliche "Entscheidungen" zur Geldpolitik für die nächste Ratssitzung im Oktober an. Ihre Inflationsaussichten für die Eurozone senkte die Notenbank leicht, sie hob aber ihre Wachstumsprognose an.

Ein Kommentar von Ulrich Ueckerseifer, WDR Wirtschaftsredaktion

Wenn's am schönsten ist, dann soll man aufhören - das gilt für Olympiasieger jenseits der 30 und vielleicht auch für Notenbank-Chefs und ihre Politik. Mario Draghi hat in den vergangenen Jahren einen richtig guten Job gemacht: Er hat mit seiner Geldpolitik das erreicht, was die Regierungschefs alleine wohl nicht geschafft hätten: den Zerfall der Eurozone zu verhindern und die Wirtschaft kräftig anzukurbeln.

Nullzins plus Anleihekaufprogramm - das war und ist der Medikamenten-Mix für die Eurozone mit den wackeligen Beinen. Inzwischen wächst die Wirtschaft in den meisten Ländern robust, die Inflationsrate wird in den nächsten beiden Jahren zwar noch nicht bei den angestrebten knapp zwei Prozent liegen, aber deutlich über ein Prozent, womit die Gefahr einer Deflation erst mal weit weg ist.

Wie sollte es weitergehen?

Darum sollte Mario Draghi bei der nächsten Pressekonferenz der EZB in sechs Wochen aus meiner Sicht folgendes ankündigen:

Punkt 1: Das Anleihekaufprogramm läuft 2018 peu a peu aus. Statt für 60 Milliarden Staatsanleihen werden von Monat zu Monat weniger gekauft, bis man im Laufe des nächsten Jahres irgendwann bei Null ist. Dank besserer Konjunktur und - wenn auch langsam - steigender Löhne und Steuereinnahmen in vielen Ländern können Staaten und Verbraucher etwas höhere Zinsen verkraften. Außerdem werden im nächsten Jahr sowieso die Staatsanleihen einiger Ländern knapp, die die EZB noch kaufen könnte. Soll heißen: Das Programm ist auch ganz praktisch endlich.

Punkt 2: Die Negativzinsen sollten im nächsten Schritt auch verschwinden. Noch müssen Banken bei der EZB zahlen, wenn sie ihr Geld dort hinterlegen. Damit sollen sie quasi gezwungen werden, mehr Geld zu verleihen. Doch dieser Zwang ist bei ordentlicher Konjunktur nicht mehr nötig.

Auch geldpolitische Medikamente können Nebenwirkungen haben

Diese beiden Schritte würden einen sanften Übergang von der Phase der superniedrigen Zinsen in eine Phase der immer noch niedrigen Zinsen bedeuten, und diese würde dann wohl auch noch Jahre andauern. Es gäbe also auf der einen Seite keinen Zinsschock, auf der anderen Seite würde die Gefahr kleiner, dass sich durch das superbillige Geld neue Spekulationsblasen aufblähen würden, die irgendwann platzen. Denn auch eine gute Medikamentierung kann böse Nebenwirkungen haben, wenn sie zu lange gegeben wird.

Wenn Mario Draghi es schafft, erst die Eurozone zu retten und dann durch einen rechtzeitiges Beenden der Geldschwemmen den Weg in die nächste Krise zu verhindern, dann wäre er wirklich ein ganz Großer. Zwar nicht in der Welt des Sports, aber auch in der Welt der Notenbanken könnte es stimmen: Wenn's am schönsten ist, dann soll man aufhören.

Kommentar

Gut, dass die EZB-Krisen-Politik überprüft wird

15.08.2017 17:08 Uhr

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Die Anleihekäufe durch die EZB müssen vom Europäischen Gerichtshof überprüft werden. Gut so, kommentiert Klaus Hempel. mehr

Link

Darf die EZB das?

Der EuGH muss klären, ob das Aufkaufprogramm der EZB für Staatsanleihen zulässig ist. Das Bundesverfassungsgericht hat Zweifel und verwies die Frage nach Luxemburg. Mehr bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 07.09.2017 | 18:30 Uhr