Stand: 12.05.2017 17:36 Uhr

Warme Worte sind am "Tag der Pflege" zu wenig

Zum "Tag der Pflege" haben in ganz Norddeutschland Hunderte Menschen für mehr Personal und bessere Bezahlung in Kliniken und Pflegeeinrichtungen demonstriert. Den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen fehlt das Geld - und die Anerkennung.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

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NDR Korrespondent Jörg Seisselberg meint, dass die beschlossene Pflegereform nicht ausreiche.

Es ist gut, dass es ihn gibt. Der "Internationale Tag der Pflege" sorgt dafür, dass die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, die Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Aber von Anerkennung alleine kann keiner leben. Der Tag der Pflege wird am Geburtstag der legendären Florence Nightingale begangen. Zwischen der Pionierin der modernen Pflege und denen, die heute in diesem Beruf tätig sind, besteht aber ein großer Unterschied: Florence Nightingale kam aus einer wohlhabenden Familie und konnte ihrer Pflegemission nachgehen, ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, was am Monatsende auf dem Konto ist.

Wichtige Tätigkeit muss angemessen bezahlt werden

Bei allem Engagement, das die heutigen Pflegerinnen und Pfleger für ihren Beruf mitbringen: Sie können erwarten, dass sie nicht nur berechtigte Wertschätzung, sondern auch angemessenes Geld für ihre Arbeit bekommen. Ihre Tätigkeit hat viel mit Menschlichkeit und Würde zu tun. Und sie wird gesellschaftlich zunehmend wichtiger in einem Land mit immer mehr älteren Menschen. Zurzeit bekommen viele Pfleger und Pflegerinnen - Letztere sind klar in der Mehrzahl - nicht das, was sie verdienen. Und zu häufig wird besonders in Altenpflegeheimen unter Tarif bezahlt.

Große Koalition hat Chance verstreichen lassen

Die aktuelle Bundesregierung hat eine große Chance verpasst, dies zu verbessern. Beim Streit um die Reform der Pflegeberufe hat sie sich von der Lobby der Altenheimbetreiber - unterstützt von Teilen der Unionsfraktion - erpressen lassen. Die Folge ist, dass aus der von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) geplanten großen Reform ein Reförmchen geworden ist.

Eigentlich sollte die Altenpflege in der Ausbildung komplett der besser bezahlten Krankenpflege gleich gestellt werden. Eine solche Reform hätten die häufiger unterbezahlten Altenpflegerinnen und Altenpfleger sehr schnell auch im Portemonnaie gemerkt. Die Große Koalition hat hier eine große Chance nicht genutzt, den Altenpflegeberuf attraktiver zu machen.

Pflegeheimbetreiber in der Pflicht

Auf der Habenseite steht das Pflegestärkungsgesetz. Es soll dafür sorgen, dass in Altenheimen die Pflegerinnen und Pfleger zumindest das bekommen, was ihnen nach dem so oder so schon nicht üppigen Tarifvertrag zusteht. Wenn die Gewerkschaften jetzt auf die Straße gehen, dann haben sie zumindest in diesem Punkt recht: Zu viele Pflegeheimbetreiber bezahlen ihre Beschäftigten nicht nach Tarifvertrag, sondern nach Gutdünken.

Gute Pflege hat ihren Preis

Hoffnung macht auch die Pflegereform, die seit Anfang des Jahres in Kraft ist. Sie sichert eine bessere Versorgung, endlich auch für Demenzkranke. Fünf Milliarden Euro mehr hat die Große Koalition dafür in das Pflegesystem gepumpt. Das war gut und wichtig. Jetzt muss dafür gesorgt werden, dass möglichst viel davon auch bei den Pflegerinnen und Pflegern ankommt, die diesen wichtigen Bereich unseres Sozialsystems mit Leben füllen.

Keiner sollte sich Illusionen machen: Gute Pflege kostet. In Zukunft müssen wir bereit sein, eher noch mehr Steuer- und Beitragsgelder in die Alten-, aber auch in die Krankenpflege zu stecken. So viel Ehrlichkeit muss sein. Warme Worte allein sind am "Tag der Pflege" zu wenig.

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NDR Info | Kommentare | 12.05.2017 | 18:30 Uhr