Stand: 21.04.2017 17:16 Uhr

Wahlkampf der politischen Leichenfledderer

Nach dem Anschlag auf einen Mannschaftswagen der Polizei auf der Champs-Élysées in Paris hat sich Frankreichs Premierminister Bernard Cazeneuve an die Bevölkerung gewandt. Er appellierte an seine Landsleute, sich nicht vom Terror einschüchtern zu lassen. Bei der anstehenden Präsidentschaftswahl will die Regierung mehr als 50.000 Polizisten und alle Spezialeinheiten einsetzen, um den Schutz der Bürger zu gewährleisten. Welchen Effekt die Attacke auf den Wahlausgang haben wird, bleibt indes unklar.

Ein Kommentar von Marcel Wagner, ARD-Korrespondent im Studio Paris

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Marcel Wagner wirft der Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen vor, den Anschlag in Paris für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Hätte jemand gefragt, was man sich eigentlich am Ende dieses irren, von Affären und Schlammschlachten besudelten Wahlkampfes noch Schlimmeres vorstellen könnte, man hätte vielleicht geantwortet: Es fehlt eigentlich nur noch ein Attentat auf der Champs-Élysées. Klar, die Furcht war immer da, die Nervosität bei den Sicherheitskräften und den meisten Politikern ist seit Wochen zum Zerreißen gespannt. Und dann hat man sich in den vergangenen Tagen innerlich versucht zurückzulehnen, dran zu glauben, dass, wenn es bis drei Tage vor der Wahl nicht passiert ist, vielleicht tatsächlich alles gut geht. Vergebens.

Vorhersehbare Reaktionen von Le Pen und Co.

Nicht nur musste ein junger Mensch, einer, der andere schützen wollte, völlig sinnlos sein Leben lassen. Nein, genauso sinnlos und genauso vorhersehbar, versuchen manche Kandidaten, vor allem eine Kandidatin, dieses Unglück für sich auszuschlachten, da liegt der junge Mann noch auf dem Pflaster des Prachtboulevards. In seiner Blutspur setzten die politischen Leichenfledderer zum Überholen auf der rechten Spur an. Als hätte sie das Unglück bestellt, hatte die rechte Marine Le Pen sich vor Millionen Fernsehzuschauern nur Minuten zuvor darüber beschwert, dass die Themen innere Sicherheit und Terrorismus im Wahlkampf eine untergeordnete Rolle gespielt hätten - was nicht stimmt, denn in ihren eigenen Wahlkampfveranstaltungen war von kaum etwas anderem die Rede.

Profiteure in letzter Minute?

Die Hintergründe der Tat auf der Champs-Élysées sind zwar noch völlig unklar. Da kann, Terror sei Dank, Marine Le Pen auch auf der großen Fernsehbühne endlich vom Leder ziehen, spricht von Trauer und tauber Wut angesichts eines Albtraums. Weg mit der Laxheit, weg mit der Naivität, ein, so wörtlich, Schlachtplan müsse her.

Spät, aber aus ihrer Sicht gerade noch rechtzeitig, hat man das Gefühl, kommt das Thema also doch noch auf die Tagesordnung, mit dem Marine Le Pen und, machen wir uns nichts vor, auch ihr konservativer Mitbewerber Francois Fillon doch gerne schon so viel früher gepunktet hätten.

Unterschiedliche Mittel, aber identische Ziele

Nicht, dass man mich falsch versteht: Der islamistische Terror ist eine Pest, in seinen Mitteln ist er ekelerregend und verabscheuungswürdig - und wie eine Pest muss man alles dafür geben, ihn mit Stumpf und Stiel auszurotten. Und ja: Man darf, man muss vielleicht sogar die aktuelle französische Regierung kritisieren, wenn man das Gefühl hat, dass sie dafür nicht alles tut.

Aber dann sollte man auch sehr genau hinschauen, was die Vorschläge von denen sind, die es so viel besser machen wollen: geschlossene Grenzen, massiv eingeschränkte Freiheiten und Rechte, in Kauf genommene Herabwürdigung von Unschuldigen, die mit den Terroristen der Einfachheit halber in einen Topf geworfen werden.

Erfolgsaussichten? In etwa null. Das hinterhältige Ziel der islamistischen Terroristen ist es, die Gesellschaft auseinanderzutreiben, um daraus Profit zu schlagen. Auch wenn die Mittel völlig unterschiedliche sind: Darin haben sie mit den Rechten etwas gemeinsam.

Interviews zur Wahl in Frankreich

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NDR Info | Kommentare | 21.04.2017 | 17:08 Uhr