Stand: 18.02.2016 15:56 Uhr

Treffer ins Herz des türkischen Staates

Kurdische Rebellen sollen laut türkischer Regierung hinter dem Anschlag von Ankara mit 28 Toten stecken. Die PKK und der syrische Ableger YPG weisen dies jedoch zurück. Indes wurden bei einem neuen Anschlag auf die Armee im Südosten des Landes mindestens sechs Menschen getötet. Was bedeuten die Anschläge für das Land?

Ein Kommentar von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

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Der Konflikt mit der PKK drohe die Türkei immer tiefer in Unsicherheit und Krieg zu verwickeln, meint Reinhard Baumgarten.

Der Terroranschlag von Ankara ist mehr als nur eine Katastrophe. Er ist ein Super-GAU für die Republik Türkei. Ganz gleich, wer ihn ausgeführt hat. Der "Größte Anzunehmende Unfall" besteht darin, dass Terroristen im gut gesicherten Zentrum der türkischen Macht zuschlagen konnten.

Die davon ausgehende Botschaft ist verheerend: Wir können euch treffen - wann, wo und wie wir wollen. Wer immer hinter der infamen Attacke steckt, hat todsichere planerische und taktische Fähigkeiten bewiesen. Die Bombe befand sich nach bisherigen Erkenntnissen in einem fahrenden Wagen, denn dort, wo sie hochging und knapp 30 Menschen in den Tod riss, herrscht striktes Parkverbot.

Kein Grund für Bewunderung

Die Täter haben alles gründlich ausgespäht und bis auf die Sekunde genau abgestimmt. Nein, das ist kein Grund zur Bewunderung. Das ist wirklich zum Fürchten. Etwas mehr als fünf Wochen nach dem Anschlag von Istanbul sterben in der Türkei wieder Menschen durch Terroristen.

In Istanbul traf es ein weiches Ziel - das Herz des türkischen Tourismus. In Ankara hat es mit dem gut gesicherten Regierungsviertel ein hartes Ziel und zugleich das Herz des türkischen Staates getroffen.

Immer weniger enge Türkei-Freunde

Waren es kurdische Terroristen? Regierungschef Ahmet Davutoglu ist fest davon überzeugt. Wie beim Anschlag von Istanbul soll auch in Ankara ein Finger des Täters das Inferno überstanden haben. So konnte angeblich ein syrischer Kurde identifiziert werden.

Die Türkei befindet sich im Krieg mit Terroristen. Sie braucht dringend den Beistand enger Freunde. Doch deren Zahl schwindet. Das hat viel mit dem Auftreten der türkischen Führung zu tun. Sie zeigt sich konfrontativ und beratungsresistent. Mit Moskau liegt Ankara bereits über Kreuz. Nun wachsen die Spannungen mit Washington. Es geht dabei um die Deutung von Terrorismus. Ankara beschießt Stellungen der syrischen Kurden, die Washington als wichtige Helfer im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" schätzt.

AKP-Mehrheit hat ihren Preis

Ankara führt Krieg gegen die PKK, mit der sie bis Mitte vergangenen Jahres Friedensgespräche geführt hat. Was schon in Vergessenheit geraten ist: Der Konflikt mit der PKK flammte nach der Juni-Wahl auf, bei der die AKP massiv an Stimmen verloren hat. Diese Stimmen hat sie in einer Atmosphäre der Angst vor Terror und Gewalt im November zurückgewonnen. Der Preis für die erneute absolute AKP-Mehrheit im Parlament war das Ende des Friedensprozesses mit der PKK.

Die Eskalationsschraube dreht sich weiter

Ankara braucht dringender denn je enge Freunde, die darauf drängen, dass der Konflikt mit der auch von Washington und Brüssel als Terrororganisation eingestuften PKK friedlich beigelegt wird. Die Auswirkungen dieses Konflikts sind vor allem im Südosten des Landes jetzt schon verheerend. Mehr noch: Dieser Konflikt beherrscht zunehmend auch Ankaras Syrienpolitik und macht sie unberechenbar. Die Eskalationsschraube dreht sich weiter und droht, die Türkei immer tiefer in Unsicherheit und Krieg zu verwickeln.

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Türkei beschuldigt Kurden - Kurden weisen zurück

Kurdische Rebellen sollen laut türkischer Regierung hinter dem Anschlag von Ankara mit 28 Toten stecken. Die PKK und der syrische Ableger YPG weisen dies jedoch zurück. Mehr bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentare | 18.02.2016 | 18:30 Uhr