Stand: 25.11.2015 17:34 Uhr

Traum von Allianz gegen den IS ist geplatzt

Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges über türkischem Gebiet sorgt für Spannungen zwischen Russland und der Türkei. Da helfen auch keine Beschwichtigungen aus Ankara, wo die türkische Regierung Russland "einen Freund" nennt. Moskau wirft Ankara weiterhin eine "geplante Provokation" vor.

Ein Kommentar von Hermann Krause, WDR, Korrespondent in Moskau

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Der Abschuss des russischen Kampfjets ist nach Meinung von Hermann Krause ein ernster Vorfall, der Folgen haben wird.

Es war nicht der erste Zwischenfall mit einem russischen Flugzeug. Aber dennoch: Die SU 24 war nur 17 Sekunden im türkischen Luftraum. 17 Sekunden bei einer Geschwindigkeit von etwa 1.000 Stundenkilometern. Kann man da einen Piloten zehn Mal warnen, wie die Türkei behauptet? Wohl kaum!

Warum aber fliegen die russischen Kampfjets so nah an der syrisch-türkischen Grenze? Werfen sie Bomben ab auf die Turkmenen, jener türkischen Minderheit, die auf syrischem Gebiet lebt, und sind die Turkmenen eine gemäßigte Oppositionsgruppe oder genauso radikal wie die al-Nusra-Terroristen, mit denen sie angeblich kooperieren? Sind sie in jenen Ölhandel verstrickt, mit dem sich der IS finanziert und der - so wie es Russlands Präsident Wladimir Putin offen sagt - über die Türkei läuft? Sind die Vorwürfe korrekt, spielt die Türkei wirklich ein falsches Spiel? Die Antwort auf solche Fragen fallen jeweils unterschiedlich aus. Die Türkei spricht von Selbstverteidigung, die Russen von einem feindlichen Angriff.  

Ein russisches Flugzeug ist von einem NATO-Land abgeschossen worden und das ist in Friedenszeiten ein ernster Vorfall. Für solche Situationen gibt es normalerweise eine international abgestimmte Vorgehensart. Zuerst wird von der Bodenstation aus gewarnt, dann steigen Abfangjäger auf. Diese melden sich per Bordfunk, dann müssen sie Blickkontakt aufnehmen mit dem anderen Piloten. Dies alles ist - glaubt man den Russen - nicht geschehen. Es wurde anscheinend ziemlich schnell geschossen.

Somit hat Putin nicht unrecht: Es handelt sich um einen feindlichen Akt. Aber das Ganze macht auch das Dilemma des russischen Einsatzes deutlich. Russland bombadiert eben nicht nur Stellungen des IS, sondern auch zum Beispiel die Stellungen der Turkmenen. Davor hat Ankara mehrfach gewarnt. In diesem Krieg gegen den Terror gibt es viele Unbekannte. Aber anscheinend ist der russische Präsident der Einzige, der bisher wirklich versucht, die Finanzströme des IS auszutrocknen. Seine Flugzeuge haben in den vergangenen Tagen vermehrt Tanklastwagen zerstört, die mit gestohlenem Öl Richtung Türkei unterwegs waren. Dabei darf man sich aber nichts vormachen. Putin geht es darum, Syriens Präsidenten Baschar al-Assad zu unterstützen und ihn an der Macht zu halten. Ob er nach dem Abschuss noch bereit sein wird, eine politische Lösung für Syrien zu suchen, dies ist eher unwahrscheinlich.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat mit seinem Vorgehen viel politisches Porzellan zerschlagen. Natürlich musste sich die NATO demonstrativ an die Seite ihres Mitgliedslandes stellen. Aber auch in Berlin und Brüssel zweifelt man an einer Notwendigkeit dieses Abschusses. Noch vor zehn Tagen trafen sich Erdogan und Putin beim G20-Gipfel in Antalya. Zwar gab es bereits Unstimmigkeiten, wie man mit Assad umgehen soll, dennoch: Dass die Türkei so radikal gegen Russland vorgehen würde, damit hatte niemand gerechnet.

Dies alles fördert in Moskau den Eindruck, nicht nur von der Türkei, sondern vom Westen überhaupt ausgegrenzt zu werden. Fest steht nur: Der kurze Traum von einer gemeinsamen Allianz im Kampf gegen den IS, dieser Traum ist vorerst geplatzt. Der worst case ist eingetreten. Diejenigen, die vorgeben, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen, schießen sich gegenseitig ab.

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Wut in Moskau über "Hinterhalt"

In Moskau ist die Empörung über den Abschuss eines russischen Kampfjets im syrisch-türkischen Grenzgebiet durch die Türkei weiterhin groß. Mehr bei tagesschau.de. extern

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NATO verurteilt Abschuss des türkischen Jets

Der NATO-Rat hat den Abschuss des türkischen Kampfjets durch die syrische Luftwaffe verurteilt. Die Türkei will von nun an auf jede Aggression Syriens militärisch reagieren. Mehr auf tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentare | 25.11.2015 | 17:08 Uhr