Sendedatum: 04.04.2013 17:08 Uhr

Steueroasen müssen trockengelegt werden

Wie kann das sein? Wie schaffen es so viele Menschen, so große Summen vor dem Fiskus zu verstecken? Im Recherche-Projekt Offshore-Leaks werten Journalisten in einer weltweiten Aktion geheime Daten aus. Die Quelle: ein anonymer Informant. Zu Tage kamen bisher Unterlagen zu mehr als 122.000 Briefkastenfirmen und Trusts weltweit. Die Daten von rund 130.000 Menschen sind darauf hinterlegt.

Ein Kommentar von Peter Hornung, NDR Info

Es sind faszinierende Daten: Graphiken, die zeigen, wie kunstvoll Geld in aufwändigen Firmenkonstruktionen versteckt wurde. E-Mails, aus denen hervorgeht, wie viel Phantasie auf die Namensgebung von Briefkastenfirmen verwendet wurde. Einträge in Datenbanken, die - wenn man sie richtig verknüpft - zu Hintermännern und Profiteuren führen - und die Zahlen, das ganze Geld, mit dem sich Volkswirtschaften retten ließen.

Die Schattenwelt der Steueroasen lag noch nie so offen da, wie jetzt, nachdem wir, die Journalisten des weltweiten Rechercheprojekts Offshore-Leaks, unsere in Monaten zusammengetragenen Ergebnisse veröffentlicht haben. Jeder, der Reichtümer mit Hilfe von Steueroasen versteckt hat, muss fürchten, dass auch er von den Medien bloßgestellt wird - und möglicherweise bald Besuch von den Finanzbehörden bekommt. Allerdings: Vieles von dem, was da an Geschäften in der Schmuddelecke der Steueroasen betrieben wird, ist womöglich nicht einmal illegal. Das ist ein Problem, das sich schon in der Recherche gestellt hat: Was ist überhaupt illegal?

Wenn ein Deutscher eine Firma auf den Britischen Jungferninseln gründen lässt, ist das vielleicht merkwürdig, aber per se nicht verboten. Auch Scheindirektoren und Strohmänner einzusetzen - alles erlaubt. Und selbst die Tatsache, dass niemand prüft, woher das in der Karibik oder in der Südsee deponierte Geld kommt, ist zwar bemerkenswert - führt aber zunächst zu keiner weiteren Erkenntnis. Ein Teil der Menschen in den riesigen Datenbanken von Offshore-Leaks sind vielleicht Steuerhinterzieher oder gar Schlimmeres, also Kriminelle. Aber ein großer Teil ist es auch nicht. Eine durchaus bittere Erkenntnis - gerade für uns Rechercheure, als wir sahen, dass viele große Staaten, deren fernes Anhängsel so manche Steueroase ist, einfach zuschauen.

Wollen wir das tatsächlich? Wollen wir, dass in den tropischen Hinterhöfen der Weltwirtschaft Milliarden geparkt oder verschoben werden? Wollen wir vertrauen darauf, dass jeder, der dort agiert, alles auch brav bei seinen heimischen Steuerbehörden angibt, aus reiner Solidarität mit seinen Mitbürgern zuhause? Klar ist: In den Steuerparadiesen schwimmen kleine Fische neben großen, tummeln sich Mittelständler aus Deutschland und Oligarchen aus Russland zusammen mit Diktatoren aus Afrika und korrupten Politikern aus Südamerika. Natürlich gibt es Gesetze gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung - aber das ist der Versuch, in einem Meer fast blind eine bestimmte Fischsorte zu angeln.

Man erwischt oft die falschen und selten die richtigen - und die anderen schwimmen einfach davon. Und deshalb ist eine, vielleicht die wichtigste Erkenntnis der globalen Recherche: Bevor diese Steueroasen - von den Britischen Jungferninseln über das malaysische Labuan bis hin zu den zu Neuseeland gehörenden Cookinseln - bevor diese Steueroasen nicht trockengelegt werden - allesamt - wird sich nichts daran ändern. Das gigantische Datenleck wird zwar das Vertrauen in diese Eilande zerstören, und das ist gut so. Aber wirklich passieren wird erst dann etwas, wenn die Finanzminister dieser Welt sich verständigen - auf eine Null-Toleranz-Politik gegenüber diesen Steueroasen.

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NDR Info | Kommentare | 04.04.2013 | 17:08 Uhr