Stand: 10.03.2016 17:11 Uhr

Reform macht Pflegeberufe attraktiver - gut so!

Je älter Menschen werden, desto mehr Unterstützung, teils auch Pflege brauchen sie - soweit nichts Neues. Und dass der demografische Wandel Deutschland längst erreicht hat, wissen wir ebenfalls. Aber was sich daraus ableiten lässt, das bekommen wir offensichtlich nur schwer in den Griff. Wir müssen mehr für die Pflege der Seniorinnen und Senioren im Land tun, wir brauchen mehr Pflegekräfte. Die wichtigste Frage beim Deutschen Pflegetag in Berlin muss deshalb lauten: Was tun?

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, NDR Info Korrespondent im Hauptstadtstudio Berlin

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Jörg Seisselberg meint, dass die Arbeit in der Pflege auch über eine moderne Ausbildung attraktiver gemacht werden kann.

Pflege geht uns alle an. Bereits heute kümmern sich Millionen Menschen in diesem Land tagtäglich aufopferungsvoll um gebrechliche, kranke, demente Eltern, Großeltern oder andere Angehörige. Das aber ist erst der Anfang. In einer Gesellschaft, in der es immer mehr Alte und immer weniger Kinder gibt, wird Pflege, speziell Altenpflege, zu einer der zentralen sozialen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Völlig unverständlich, dass kaum jemand darüber redet, dass gerade in diesem Bereich teilweise fragwürdige Arbeits- und Ausbildungsbedingungen herrschen.

Respekt für Arbeiter im Pflegebereich fehlt

Ist es gerecht, dass eine Altenpflegerin kaum mehr verdient als ein Müllmann - wenn überhaupt? Bei allem Respekt für den harten Job des Letzteren: Es ist unverständlich, warum unserer Gesellschaft die menschliche, kompetente und würdevolle Hilfe für Kranke und Alte, für Leidende und Sterbende relativ wenig wert ist. Gerade Pfleger in privaten Altenheimen werden in vielen Bundesländern immer noch unter Tarif bezahlt. Eine bessere Bezahlung kann hier nicht staatlich verordnet werden. Eine Stellschraube aber, um Pflege attraktiver zu machen, ist die Ausbildung.

Hier setzt die Politik jetzt an. Endlich. Denn es ist absurd, dass in einem Beruf, der dringend Nachwuchs braucht, dieser Nachwuchs geradezu abgeschreckt wird - dadurch, dass von ihm in einigen Bundesländern verlangt wird, dass er das Geld für seine Ausbildung noch mitbringt. Angehende Altenpfleger müssen vor allem im Norden und Osten Deutschlands in vielen Ausbildungsstätten Schulgeld zahlen - und das nicht zu knapp. Die jetzt geplante Reform soll diese Absurdität beseitigen. Gut so.

Qualität in der Pflege muss sich verbessern

Damit Deutschland beim Thema Pflege zukunftssicher aufgestellt ist, muss sich auch die Qualität in diesem Bereich verbessern. Berufliches Kästchendenken ist von gestern, auch und gerade in der Pflege. Es reicht ein Blick in ein beliebiges deutsches Krankenhaus. Im Durchschnitt ist dort über die Hälfte aller Patienten im Rentenalter. Tendenz: stark steigend.

In der Praxis bedeutet dies: Natürlich braucht ein Pfleger im Krankenhaus heute nicht nur Kompetenz in der Kranken-, sondern auch in der Altenpflege. Umgekehrt kann ein Pfleger im Altenheim seinen Job nur dann richtig machen, wenn er mit den vielen Krankheitsbildern, mit denen er im Berufsalltag konfrontiert ist, kompetent umgehen kann.

Generalisierte Ausbildung zum Pflegeberuf ist der falsche Weg

Mit der Reform wird die Grundlage dafür geschaffen, dass künftig jeder Altenpfleger zumindest auch Grundkenntnisse eines Krankenpflegers hat und umgekehrt. Das ist eine gute Nachricht für uns - früher oder später werden wir fast alle in ihren Händen landen. Und um mit einer Mär aufzuräumen: Eine generalisierte Ausbildung für alle Pfleger heißt nicht, dass Spezialkenntnisse verloren gehen. Nach einer Vermittlung der Grundlagen sind auch künftig Spezialisierungen möglich.

Dass ausgerechnet der Bundesverband der privaten sozialen Dienste gegen diese Zeitenwende in der Pflege mobil macht, ist ein besonders haarsträubender Auswuchs des deutschen Verbändewesens. Gerade diejenigen, denen in vielen Regionen die gesellschaftlich wertvolle Arbeit der Altenpfleger kein Tariflohn wert ist, stehen jetzt auf der Bremse, wenn es darum geht, die Pflegeausbildung attraktiver zu machen. Es ist gut, dass die Politik hier die aufgeregten Rufe aus der Lobbyecke an sich vorbeirauschen lässt.

Es bleibt noch viel zu tun

Natürlich bleibt noch viel zu tun und auch diese Reform wird die Situation für Pflegende und Pflegebedürftige nicht von heute auf morgen verbessern. Aber es ist ein sinnvoller Schritt, um einen der zukünftig wichtigsten Berufe attraktiver zu machen - und mit dafür zu sorgen, dass Deutschland die qualifizierten Pfleger bekommt, die es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten dringend benötigt.

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NDR Info | Kommentare | 10.03.2016 | 17:08 Uhr