Stand: 22.01.2017 00:00 Uhr

Merkel nach der Wahl: Last Woman standing?

Nach der Bundestagswahl wanken die drei Schlüsselfiguren der Großen Koalition gewaltig. Angela Merkel, Horst Seehofer und Martin Schulz sind angeschlagen. Merkel tut so, als sei sie unerschütterlich. Ob sie als Kanzlerin in einer Jamaika-Koalition bestehen kann, ist fraglich.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Christoph Schwennicke, Chefredakteur "Cicero"

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Die Schlüsselfiguren der Großen Koalition wackeln wie Kegeln, meint "Cicero"-Chefredakteur Christoph Schwennicke.

Man kennt das vom Kegeln: manchmal wackeln die Kegel lange, bevor sie fallen. Oder sich am Ende doch wieder stabilisieren und stehen bleiben. Die Wählerinnen und Wähler haben am vergangenen Sonntag eine beherzte Kugel in Richtung Bahnende geschoben und einen Volltreffer gelandet.

Besonders die drei Schlüsselfiguren der Großen Koalition hat es getroffen, alle drei wanken. Nur eine tut so, als stünde sie felsenfest.

Fangen wir bei der SPD an. Martin Schulz hat das Alltime-Low für diese einst stolze Partei eingefahren und mit Müh‘ und Not die zwei vorne gehalten. Seine in dieser deutlichen Diktion nicht vorher abgesprochene, rigorose Absage an eine weitere Große Koalition hat ihn für die ersten empfindlichsten Stunden nach der Wahl stabilisiert. Aber schon in den Folgetagen zeigt sich, wie fragil das Podest ist, auf das ihn die SPD erst vor wenigen Monaten mit einer 100-Prozentwahl zum Parteichef gesetzt hat.

Schulz nur noch Übergang

Altvordere wie Otto Schily und Franz Müntefering zweifeln öffentlich daran, dass es richtig von ihm war, Andrea Nahles an seiner Statt zur Fraktionschefin zu machen. Und in der Tat ist diese Personalie schon der erste Beleg dafür, dass Schulz in der SPD nicht machen kann, was er will bei diesem Ergebnis, sondern mächtige Kontrahenten durch Posten zu befrieden und einzuhegen versucht. Kleine Erinnerung an die Bundestagswahl von 2005 - damals haben Angela Merkel bei ihrem mageren Wahlergebnis zwei Dinge ins Kanzleramt gehievt: Ein verhaltensauffälliger Amtsinhaber Gerhard Schröder, der mit seinem Veitstanz noch am Wahlabend in der Elefantenrunde die Reihe der Union schloss. Und der Griff nach dem Fraktionsvorsitz gleich am nächsten Morgen. Schulz hat eben das nicht gemacht. Sondern mutmaßlich seine Kandidatin für die nächste Kanzlerkandidatur auf den öffentlichkeitswirksamsten Posten gesetzt. Mit dieser Personalie hat Schulz klar gemacht: Ich bin nur noch Übergang. Die Zukunft der SPD machen Andrea Nahles und Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz unter sich aus.

Horst Seehofer wackelt

Einen Übergang sehen sich in der CSU schon lange einige Herrschaften herbei. Und deshalb wackelt, ja taumelt von den drei großen Kegeln besonders Horst Seehofer. Diese Woche war er bei diversen Presskonferenzen zu erleben, bei denen er öfter äh gesagt hat als Edmund Stoiber in seinen fahrigsten Tagen. Der Mann ist von der Rolle. Zu Recht. Knapp 39 Prozent für die CSU in Bayern. Das schneidet ein bis auf die Knochen. Sein Aufbegehren gegen Merkels Flüchtlingspolitik ist dafür nicht der Grund. Sondern erst sein Einknicken und Wieder-Einreihen.

Genussvoll plakatierte die AfD: Wer CSU wählt bekommt Merkel. Ein tödlicher Slogan für Seehofer. Mit dem Trick eines Wahlparteitags im November, mitten  in den Koalitionsverhandlungen, versucht er sich zu retten. Aber das muss nicht weiterhelfen. Die CSU ist eine Putschpartei, sie macht das zur Not auf offener Bühne, und in Bayern sind Wahlen im kommenden Jahr. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Seehofer da nicht mehr antreten. Die Wähler in Bayern sind durch mit ihm.

Merkel tut unerschütterlich

Damit zum größten Kegel, Angela Merkel. Sie hat die Wählerkugel voll erwischt und fast neun Prozentpunkte gekostet. Und doch tut sie so, als sei sie unerschütterlich, als sei ihr Fuß mit Klebstoff an der Kegelbahn fixiert. Die CDU ist im Unterschied zu ihrer bayerischen Schwester überhaupt keine Putschpartei, sondern eine Kuschpartei. Deshalb muss man hier eine höhere Sensibilität an den Tag legen, was Erosionserscheinungen der Macht angeht. Das mit 77 Prozent in CDU-Kategorien erbärmliche Wahlergebnis ihres Knappen Volker Kauder zum abermaligen Fraktionschef ist so eine Erosionserscheinung. Und der Umstand, dass sich ein Mitglied der so genannten Werteunion, einer Anti-Merkel-Veranstaltung innerhalb der CDU, öffentlich für eine Trennung von Parteivorsitz und Kanzlerschaft ausgesprochen hat, ist das auch.

Merkel hat bei der Buchvorstellung einer Schröder-Biographie einmal im Beisein ihres Vorgängers gesagt, dass sie dessen Schritt, den Parteivorsitz als Kanzler abgegeben zu haben, als dessen größten Fehler angesehen und nie verstanden habe. Die Werteunion kann sich also eine Menge wünschen. Dennoch wird dieses Wahlergebnis von 32,9 Prozent weiter wie Säure an der Säule Merkel fressen. Sie hat auch die drei schlechtesten Wahlergebnisse der Union seit 1949 zu verantworten. Die Wahl war ein Referendum über ihre verfehlte Flüchtlingspolitik. Und nicht einmal ein ungebremster Wirtschaftsboom und faktische Vollbeschäftigung haben sie vor diesem schlechten Wahlergebnis bewahrt. Normalerweise trägt diese Sänfte wie von selbst ins Kanzleramt.

Die letzten Tage der Kanzlerin sind angebrochen

Deshalb ist Merkel auch noch nicht durch. Jamaika, das Bündnis aus CDU.CSU, FDP und Grünen beflügelt Fantasien in den Zeitungsredaktionen. "Alles so schön bunt hier!", hat Nina Hagen einmal gesungen. Aber so ein bunter Wimpel wie die Jamaikaflagge will erst einmal vernäht sein. Und muss dann auch in jedem Sturm und jedem Wind halten.

Deshalb sei die Behauptung gewagt: Die letzen Tage der Angela Merkel als Kanzlerin sind angebrochen. Es kann sein, dass es gar nicht zu einer Jamaika-Koalition kommt, weil - Stichwort Kegel - Horst Seehofer Merkel im Fallen mit umreißt und eine solche Koalition verhindert, bevor sie angefangen hat. Und wenn nicht, dann kann ein Bündnis solche divergierender Kräfte jederzeit auf Strecke zerreißen wie eine fadenscheinige Fahne.

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NDR Info | Kommentare | 01.10.2017 | 09:25 Uhr