Stand: 06.10.2017 15:53 Uhr

Lehren ziehen nach den Schüssen in Las Vegas

Nach dem furchtbaren Attentat von Las Vegas ist über den Attentäter wenig bekannt, seine Motive liegen im Dunkeln. US-Präsident Donald Trump mahnt zur Ruhe und lässt die Waffengesetze zumindest weitgehend unangetastet. Was aber wäre, wenn die Tat einen islamistischen Hintergrund hätte? Gäbe es dann zuhauf Schuldzuweisungen?

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Bettina Gaus ("taz")

Bild vergrößern
Bettina Gaus meint, dass Massaker keine Spezialität bestimmter Bevölkerungsgruppen sind.

Der Todesschütze von Las Vegas, der 59 Menschen ermordet und Hunderte verletzt hat, war ein älterer, weißer Mann, der bis zum Zeitpunkt seiner Tat ein unauffälliges Leben geführt hat. Nur Stunden nach der Bluttat ist auf "Facebook" ein Post mit der Überschrift "weißes Privileg" vielfach geteilt worden. In dem das "Privileg" unter anderem so definiert wurde: Man könne anderen Schmerz und Leid zufügen, ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, dass eine einzige Person der eigenen Rasse oder Religion unter den Folgen der kriminellen Handlungen zu leiden hätte. Ende Zitat.

Stimmt. Genau so ist es. Wäre der Schütze ein Moslem gewesen, ein Araber oder hätte er eine schwarze Hautfarbe gehabt: kein Zweifel, dass Schuldzuweisungen im Hinblick auf ganze Bevölkerungsgruppen erfolgt wären. Aber er war eben ein Weißer.

Auch nicht-islamistische Attentäter müssen genau beobachtet werden

Und so konnte US-Präsident Donald Trump eine schnelle Diskussion über eine mögliche Verschärfung von Waffengesetzen in den Vereinigten Staaten ablehnen und durchblicken lassen, dass er eine solche Debatte zu einem frühen Zeitpunkt für eine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern hielte. Wir reden hier von demselben Mann, der nach islamistischen Attentaten in Europa jeweils nur wenige Minuten verstreichen ließ, bevor er politische Schlussfolgerungen aus Anschlägen zog und Forderungen daran knüpfte.

Die Wahrnehmung von Attentaten in den USA (und nicht nur dort, sondern auch in weiten Teilen Europas) ist stets dieselbe: Weiße sind immer Einzeltäter, "einsame Wölfe", wie die gern benutzte Formulierung lautet. Schwarze, arabische, muslimische Täter werden hingegen stets als Spitzen verschiedener Eisberge betrachtet. Die Botschaft dahinter: Was für ein Glück, dass die anderen Schwarzen, Araber und Muslime noch nicht getötet haben. Aber wir müssen sie jetzt ganz besonders genau beobachten. Niemand erhebt vergleichbare Forderungen im Hinblick auf Weiße.

Auch die Liste weißer Attentäter in Deutschland ist lang

Das ist rassistisch und sonst gar nichts. Es gibt keinerlei Gründe, gegenüber Weißen weniger wachsam zu sein als gegenüber anderen Gruppen der Bevölkerung. Die beiden Teenager, die 1999 zwölf Jugendliche und einen Lehrer an der Columbine High School in Colorado getötet haben, waren weiß. Ebenso wie Adam Lanza, der 28 Menschen, darunter 20 Kinder, 2012 an der "Sandy Hook" Grundschule in Connecticut umbrachte. Und James Holmes, der in demselben Jahr 12 Kinobesucher in Aurora, Colorado, ermordete. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Übrigens auch in Deutschland. Der 19-jährige, der 2002 an einer Schule in Erfurt Amok lief, war ein weißer Deutscher. Ebenso der Massenmörder von Winnenden, 2009. Und - auch diese Liste ließe sich fortsetzen.

Keine Missverständnisse: Es geht nicht darum, islamistischen Terror zu relativieren, weil es auch nicht-islamistischen Terror gibt. Obwohl sich schon die Frage stellt, weshalb blinder Mord eigentlich kaum je als Terrorismus bezeichnet wird, wenn er von Weißen, womöglich noch von Christen, begangen wird und nicht von Angehörigen einer Gruppe, die sich als fremd definieren lässt.

Massaker sind keine Spezialität bestimmter Bevölkerungsgruppen

Aus Gewalttaten werden nur selten Lehren gezogen. Aber wenn nach den Schüssen in Las Vegas begriffen würde, dass Massaker keine Spezialität bestimmter Bevölkerungsgruppen sind - dann wäre schon viel gewonnen. In der "New York Times" ist ein bitterer Kommentar erschienen unter der Überschrift: Wenn Stephen Paddock - der Todesschütze von Las Vegas - doch nur ein Muslim gewesen wäre...

Ein anderes Zitat, das auf "Facebook" verbreitet wurde: "Etwas läuft grundsätzlich falsch, wenn Leute erleichtert sind, dass ein Schütze weiß ist, weil sie wissen, dass sie nicht unter den Folgen seiner Tat leiden müssen." Zitat Ende. Ja, wenn das so ist, dann läuft in der Tat etwas grundsätzlich falsch. Das ist allerdings kein Naturgesetz. Daran lässt sich etwas ändern.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 08.10.2017 | 09:25 Uhr