Stand: 17.01.2016 00:00 Uhr

Köln darf sich nie wiederholen!

Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln, Hamburg und anderen deutschen Städten scheint die Stimmung zu kippen: Herrscht bald ein Klima der Angst statt eine Willkommenskultur-Atmosphäre in Deutschland?

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts"

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Das Signal, das von den Ereignissen der Kölner Silvesternacht ausgeht, ist verheerend, meint Lars Haider.

Manchmal sind es die kleinen Geschichten, die über die Stimmung in einem Land mehr sagen, als es Dutzende Politiker in Talkshows tun können. Die folgende Geschichte hat mir eine Freundin erzählt. Sie hat sich kurz nach den Ereignissen in Köln zugetragen, und ohne diese Ereignisse wäre sie gar keine Geschichte.

Seltsame Gedanken gehen durch den Kopf

Die Freundin, eine Frau Mitte 30, hatte im Hamburger Stadtteil Eppendorf in einem Bio-Supermarkt eingekauft. Als sie aus dem Laden heraus kam, in der rechten Hand die prall gefüllte Tasche, in der linken den Maxi-Cosi mit ihrem kleinen Sohn, lief ein Mann auf sie zu. Ein Mann mit dunkler Hautfarbe. Ein Flüchtling? Normalerweise hätte die Freundin, die unter anderem in einer sogenannten Folgeunterkunft tätig ist, sich das nicht gefragt. Aber in diesem Moment, nach Köln und ja, auch nach Hamburg, war ihr gar nicht wohl, als der Mann so zielstrebig und mit ausgestreckten Armen auf sie zuschritt.

Ob sie Angst gehabt hätte? Nein, sagte die Freundin, das wäre übertrieben, aber seltsame Gedanken seien ihr schon durch den Kopf gegangen. Gedanken, die sie vorher so noch nicht gehabt hätte. Dabei hat der Mann mit Migrationshintergrund, um die Geschichte abzukürzen, am Ende nur das gemacht, was frau sich öfter auch mal von einem Mann ohne Migrationshintergrund wünschen würde: Er hat nett gefragt, ob er der sichtlich Vollbepackten helfen könne, ihr die Einkaufstasche abgenommen, sie zum Auto getragen und sich dann überraschend höflich verabschiedet. Und die Freundin? Sie hat sich geschämt für die Gefühle, die sie zuvor gehabt hatte.

Schwingt die Angst nun immer mit?

Wie gesagt: Manchmal sind es die kleinen Geschichten, mit denen sich die großen Themen erklären lassen. Unser Fall zeigt sehr gut, wie nachhaltig und einschneidend die erschreckenden Taten von Köln die Stimmung bei Einzelnen, selbst bei sehr Wohlmeinenden verändern können. Wobei: Was heißt hier Einzelne? Ich könnte noch etliche Geschichten aus meinem Umfeld erzählen, etwa die von einer Kollegin, die sagte, dass bei ihr mit der Willkommenskultur sofort Schluss sei, wenn sie Angst haben müsste, im Bus befummelt zu werden.

Frauenverachtung ist ein verheerendes Signal

Die Horden junger Männer, die Frauen wie Freiwild behandelten, haben nachhaltig etwas zerstört. Sie haben die beleidigt und gedemütigt, die sie mit offenen Armen empfangen haben. Sie haben ausgerechnet jene Deutschen brüskiert, die das Fundament der Willkommenskultur für Flüchtlinge waren. Denn es waren doch vor allem Frauen, die in den Unterkünften geholfen, die die Kleiderschränke ihrer Familien leer geräumt, die Spenden gesammelt und Initiativen mitgegründet haben. Es waren die Frauen, denen es die männlichen Flüchtlinge zu verdanken haben, dass sie in Deutschland so empfangen wurden, wie sie empfangen wurden. Und dann das.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich weiß ich, dass die Täter von Köln nur ein winziger Teil der Flüchtlinge sind, und repräsentativ sind sie schon gar nicht. Nur: Das spielt in einer Situation, wie wir sie derzeit in Deutschland erleben, in der die Stimmung explosiv und die Gesellschaft gespalten wie lange nicht ist, keine Rolle. Das Signal ist verheerend, die Frauenverachtung der Täter trifft gerade jene Frauen umso heftiger, die fest daran geglaubt haben, dass auch Integration aus Macho-Ländern gelingen kann.

Gleichberechtigung darf von niemandem infrage gestellt werden

Kann sie? Schaffen wir das? Die zentrale Frage der Flüchtlingskrise lässt sich immer schwerer beantworten. Wie lange mag es dauern, bis sich das Frauenbild von Männern ändert, die offenbar nichts dabei finden, Frauen in aller Öffentlichkeit an den Busen und in den Schritt zu fassen? Und: Warum sollte sich unsere Gesellschaft überhaupt die Mühe geben, es zu versuchen? Die Gleichberechtigung gehört zu den wichtigsten Errungenschaften unseres Systems, sie ist für uns maximal selbstverständlich. Wer sie infrage stellt, sie mit Schmutz bewirft, hat hier, mit Verlaub, nichts zu suchen.

Flucht hin, Flucht her. Die Freundin aus der am Anfang erzählten Geschichte ist dem freundlichen Herrn mit Migrationshintergrund übrigens hinterhergelaufen, um sich zu bedanken. Sie hat für einen kurzen Moment überlegt, ob sie ihm etwas Geld geben soll, es dann aber doch nicht gemacht. Denn eigentlich sei es doch selbstverständlich, dass man sich helfe, gerade im Jahr 2016. Gerade unter Menschen, die sich auf den ersten Blick fremd sind. Und außerdem, sagt die Freundin, hätte der Mann ihr etwas zurückgegeben, was sich mit Geld nicht bezahlen lässt: Das Gefühl, dass es vielleicht irgendwie doch klappen kann - vorausgesetzt, so etwas wie in Köln passiert nie wieder.

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NDR Info | Kommentare | 17.01.2016 | 09:25 Uhr