Stand: 30.09.2015 16:56 Uhr

Kachelmann: Geld stellt Ruf nicht wieder her

Jörg Kachelmann ist vor vier Jahren von dem Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Seitdem klagte der ehemalige Wettermoderator gegen zahlreiche Medien, die aus seiner Sicht unfair berichtet haben. Im Prozess gegen den Springer Konzern hat das Landgericht Köln ihm jetzt eine Entschädigungszahlung in Höhe von 635.000 Euro zugesprochen. Seinen Ruf wird das nicht wiederherstellen.

Ein Kommentar von Claudia Venohr, NDR Info

Gewiss, es ist eine Rekordsumme. 635.000 Euro sind das höchste Schmerzensgeld, das ein deutsches Gericht wegen unerwünschter Veröffentlichungen jemals verhängte. Noch ist das Urteil aber nicht rechtskräftig. Der Springer-Verlag will in die Berufung gehen. Aber nicht deshalb ist Jörg Kachelmanns Kampf um Ruf und Ehre ein Pyrrhussieg. Selbst wenn er noch so viele Schadensersatz-und Schmerzensgeldprozesse führen wird. Für den einstigen Medienstar, der aus komplizierten Wettervorhersagen eine volksnahe Unterhaltungsshow machte, kann keine noch so hohe Geldsumme seinen Ruf wiederherstellen.

Der Name Kachelmann ist quasi verbrannt und der Mensch Kachelmann komplett demontiert. Ausgezogen und nackt bis auf die Haut. Dass er vom Vorwurf der Vergewaltigung 2011 freigesprochen wurde, weiß schon fast keiner mehr. Aber alle wissen scheinbar alles über sein Leben bis dahin. Mehr kaputte Privat-und Intimsphäre geht nicht. Was berichtet ist, ist berichtet. Die Artikel und Bilder bleiben in den Köpfen. Ganz gleich, ob sie völlig überzogen, haltlos oder erfunden waren. Kachelmann kann sie nicht mehr aus der Welt schaffen. Er ist der personalisierte und boulevardisierte Skandal schlechthin. Das abschreckende Beispiel eines entgrenzten, aggressiven und gnadenlosen Journalismus.

Mitleid werden viele trotzdem nicht empfinden. Denn Kachelmann war zu seinen Hochzeiten ja schon kein Säulenheiliger, eher schon ein Selbstdarsteller, der das auch auskostete. Daraus hat er selbst nie ein Hehl gemacht. Aber der Preis, den Menschen wie er, für ihre Prominenz zahlen, ist definitiv zu hoch, wenn von ihrer Würde nichts mehr bleibt. Soweit können und dürfen die Befriedigung des Informationsinteresses der Öffentlichkeit und die Pressefreiheit niemals gehen. Medien und Presse schaden sich am Ende selbst, denn sie riskieren, dass  das Vertrauen der Bürger weiter schwindet.

Der Fall Kachelmann ist deshalb mehr als jeder andere geeignet, auch über die Grenzen einer zunehmend emotionalisierten und skandalisierten Berichterstattung nachzudenken. Vermutlich wird sie kaum noch zu stoppen sein in diesen multimedialen Jagdzeiten nach Schlagzeilen. Aber vielleicht können Gerichte dafür sorgen, dass wenigstens die Sanktionen bei einer Verletzung der Persönlichkeits-rechte künftig nicht nur bei Kachelmann Rekordsummen erreichen. Erst dann, wenn die Entschädigungszahlungen nicht mehr aus der Portokasse beglichen werden können, wird das Folgen haben und es wird sich tatsächlich etwas ändern. Die finanzielle Wiedergutmachung ist das Wenige, das Menschen wie Jörg Kachelmann, die alles verloren haben, am Ende bleibt und ihnen zu Recht auch zusteht.

Weitere Informationen
Link

Springer muss Kachelmann 635.000 Euro zahlen

Der Wettermoderator Kachelmann bekommt vom Springer-Konzern die Rekordsumme von 635.000 Euro Schmerzensgeld. Mehr auf tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 30.09.2015 | 16:56 Uhr