Stand: 12.10.2017 18:28 Uhr

Ist die Zeit des billigen Fliegens nun vorbei?

Monatelang hat die Lufthansa auf diesen Tag hingearbeitet, nun ist der Air-Berlin-Kauf besiegelt. Die Lufthansa übernimmt den größten Teil der insolventen Fluggesellschaft - 81 von 134 Flugzeugen. Zudem können 3.000 der rund 8.000 Air-Berlin-Beschäftigten zu dem Konzern wechseln, wie Lufthansa-Chef Carsten Spohr ankündigte. Air Berlin erhält nach eigenen Angaben etwa 210 Millionen Euro als Kaufpreis. Ein guter Deal?

Ein Kommentar von Jens Brommann, NDR Info

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Jens Brommann sagt unsichere Zeiten im Fluggeschäft voraus - auch für Passagiere.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat spürbar gefeiert. Die Übernahme großer Teile der insolventen Air Berlin sei ein echter "Meilenstein" in der Firmengeschichte. Flugkapitän Spohr hat die Lufthansa zur unangefochtenen Nummer eins in Deutschland gesteuert: die auf innerdeutschen Strecken keine Konkurrenz mehr fürchten muss, die mit alten Air-Berlin-Slots und vielen weiteren Maschinen auf dem europäischen Flugmarkt an Marktmacht gewinnt. Und das für einen vergleichsweise geringen Kaufpreis.

Die Anleger jubeln und haben die Lufthansa-Aktie zeitweise auf den höchsten Kurs seit 17 Jahren getrieben. Lufthansa-Chef Spohr wähnt sich - mit hilfreicher politischer Rückendeckung aus Berlin - ganz nah am Ziel: Die deutsche Kranich-Linie mit der Air-Berlin-Übernahme so stark zu machen, dass sie europäischen Billig-Konkurrenten genauso gut Paroli bieten kann wie Nobel-Airlines aus dem Golf oder Fernost.

Es bleiben drei Unsicherheiten

Diese Rechnung kann, muss aber nicht aufgehen. Unsicherheit Nummer eins: Die Kartellbehörden könnten Lufthansa zwingen, einige innerdeutsche Landerechte wieder abzugeben. Berlin - München zum Beispiel oder Berlin - Düsseldorf, wo die Lufthansa mit ihrer Tochter Eurowings künftig eine monopolähnliche Stellung einnehmen könnte. Erst recht, falls sich die Air-Berlin-Verhandlungen mit dem zweiten exklusiven Übernahmeinteressenten Easyjet auf der Zielgerade noch zerschlagen sollten.

Unsicherheit Nummer zwei: Auf dem europäischen Flugmarkt tobt - noch - ein beinharter Verdrängungsswettbewerb, vor allem unter den Billig-Gesellschaften. Neben Air Berlin sind mit Alitalia und der britischen Monarch weitere Airlines insolvent. Wer da mithalten will, braucht eine flexible und kluge Strecken- und Preispolitik. Und natürlich ein Gewinnpolster.

Werden die Flugtickets jetzt teurer?

Unsicherheit Nummer drei: Der gesamte Mobilitätsmarkt befindet sich im Umbruch: Das Flugzeug steht immer häufiger in direkter Konkurrenz zu anderen Verkehrsmitteln, auf kürzeren Strecken vor allem zur Bahn, die durch schnellere Zugverbindungen manchen Fluggast auf die Schiene lotsen könnte.

Dies alles verspricht unsichere Zeiten im Fluggeschäft. Für die bisherigen Air-Berlin-Beschäftigten sowieso, die neue Arbeitsplätze nur zu schlechteren Bedingungen finden werden. Aber auch für Flugpassagiere. Der Preiskampf über den Wolken ist nicht grenzenlos. Der Flugmarkt wächst zwar weltweit weiterhin imposant, doch überall kristallisieren sich einige wenige regional bedeutende Player heraus, die den Markt prägen und damit letztlich auch beherrschen. Die Zeiten des billigen Fliegens immer und überall - die könnten bald vorbei sein.

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NDR Info | Kommentare | 12.10.2017 | 18:30 Uhr