Stand: 15.09.2017 17:05 Uhr

Eine Schande für die Menschheit

Der Welternährungsbericht der Vereinten Nationen zeigt, dass die Zahl der Hungernden weltweit wieder steigt. Im vergangenen Jahr hatten demnach mehr als 800 Millionen Menschen zu wenig zu Essen. Das sind 38 Millionen mehr als 2015. Die Hauptursachen sind laut der UN bewaffnete Konflikte, der Klimawandel und steigende Lebensmittelpreise.

Ein Kommentar von Tassilo Forchheimer, Korrespondent in Rom

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Dass die Zahl der Hungernden auf der Welt wieder deutlich gestiegen ist, kann uns nicht wirklich überraschen, meint Tassilo Forchheimer.

In den meisten Fällen ist Politik ein kompliziertes Geschäft. Oft sind Ursache und Wirkung nicht so leicht auseinanderzuhalten. Der Hunger auf der Welt jedoch ist schnell erklärt. Besonders schlimm, so die UN-Botschaft, ist die Situation überall dort, wo bewaffnete Konflikte, also vor allem Kriege geführt werden.

Und noch schlimmer ist die Lage der Menschen, die zusätzlich unter den Folgen des Klimawandels leiden. Oft hat das eine mit dem anderen zu tun, zum Beispiel beim Kampf um Wasser.

Die Entwicklung überrascht nicht

Dass die Zahl der Hungernden auf der Welt nach einem Jahrzehnt der Besserung wieder deutlich angestiegen ist, kann uns deshalb nicht wirklich überraschen. Tagtäglich hören wir es in den Nachrichten: Kriege, Dürren und Flutkatastrophen, Millionen auf der Flucht. Einer von neun Menschen auf der Welt geht hungrig zu Bett. Unter ihnen 155 Millionen Kinder unter fünf Jahren, die infolge mangelhafter Ernährung unterentwickelt sind. Das ist eine Schande für die Menschheit, weil es seit Jahrzehnten nicht gelingt, das Problem wirklich in den Griff zu bekommen.

Zwischen den Zeilen lesen

Denn tatsächlich ist am Ende doch alles viel komplizierter als es zunächst scheint. Das spiegelt sich zwischen den Zeilen auch in diesem Welternährungsbericht, der allzu oft nicht über die Diagnose hinauskommt, weil sich UN-Organisationen bei all ihren Verdiensten immer schwer tun, Schuldige zu benennen.

Ein geläufiges Beispiel hierfür sind all die Kriege auf der Welt, bei denen hinter den Kulissen größere Mächte am Werk sind, deren Namen in offiziellen UN-Berichten eher nicht genannt werden.

Wirtschaftliche Interessen werden nicht offen angesprochen

Ähnlich läuft es in Sachen Welternährung. Auch hier gibt es knallharte Interessen, in diesem Fall wirtschaftlicher Art, die in dem Bericht nicht offen angesprochen werden. So schwindelt sich die Welternährungsorganisation beispielsweise um konkrete Aussagen zu einem ausgewogenen Fleischkonsum herum. Zum besseren Verständnis genügt der Hinweis darauf, dass einflussreiche UN-Mitglieder zu den großen Fleischproduzenten gehören.

Im Prinzip wäre genug für alle da

Umso mehr zu würdigen ist die Tatsache, dass der Bericht ganz deutlich darauf hinweist, dass sich nicht nur der Hunger, sondern auch die Überversorgung mit Kalorien in weiten Teilen der Welt zu einem gigantischen Problem auswächst. 682 Millionen Menschen sind übergewichtig.

Der Reichtum auf unserer Erde ist sehr ungleich verteilt. Bei der Ernährung rächt sich das auch für jene Länder, in denen kaum Menschen an Hunger leiden. Ein Grund mehr, den Kampf für eine bessere Ernährung der Menschheit als gemeinsame Herausforderung zu begreifen. Denn auch das zeigen die aktuellen Zahlen: Im Prinzip wäre genug für alle da.

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NDR Info | Kommentare | 15.09.2017 | 18:30 Uhr