Stand: 13.04.2017 17:03 Uhr

Der Mindestlohn ist zu niedrig!

Einige Studien und Berichte haben in dieser Woche Schlaglichter auf die Gerechtigkeitsdebatte in Deutschland geworfen. Das Vermögen ist und bleibt höchst ungleich verteilt. Am Donnerstag musste die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken einräumen, dass neun von zehn Alleinerziehenden, die mit Mindestlohn bezahlt werden, nur mit staatlicher Hilfe über die Runden kommen.

Ein Kommentar von Christoph Prössl, Hörfunk-Korrespondent im ARD-Hauptstadt-Studio Berlin

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Der Mindestlohn in Deutschland müsse deutlich erhöht werden, meint Christoph Prössl in seinem Kommentar.

Es ist eine Frage der Gerechtigkeit. Ganz anschaulich. Wenn eine Alleinerziehende - meistens sind es ja nun mal Frauen - mit ihrem Mindestlohn nicht über die Runden kommt, dann ist das ungerecht. Das plastische Beispiel spricht für sich und geht so: 38-Stunden-Woche, 8,84 Euro pro Stunde, macht rund 1.400 Euro brutto. Minus Steuern, Abgaben und Lebenshaltungskosten. Dann bleiben für die Miete nicht mehr als rund 350 Euro. Die Alleinerziehende muss Sozialleistungen beantragen, um in Hamburg, Frankfurt oder München überhaupt noch leben zu können.

Wer voll arbeitet, sollte davon leben können

Daraus ziehe ich einen ganz einfachen Schluss: Der Mindestlohn ist zu niedrig. Er sollte erhöht werden und zwar deutlich. Wer voll arbeitet, sollte davon leben können. Hart zu arbeiten und zu merken, dass das Geld hinten und vorne nicht reicht, das ist frustrierend. Ein Job ist eben doch weit mehr als nur Arbeit gegen Geld. Die Höhe der Entlohnung ist auch Ausdruck von Wertschätzung und Anerkennung. Und das ist die Grundlage für eine funktionierende, ja gerechte Gesellschaft.

An dieser Stelle bin ich bereits jenseits des Beispiels "Alleinerziehende". Die Ergebnisse der Anfrage der Linkspartei illustrieren nur sehr klar, wo das Problem liegt. Aber natürlich gilt für viele Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten: Es muss zum Leben reichen. Der Mindestlohn sollte so heißen, weil er ein Mindestmaß an Gerechtigkeit garantiert. Das ist es mir auch als Verbraucher wert. 500 Gramm Hackfleisch für 2,29 Euro - das geht nur, weil auch die Arbeitsbedingungen in den Schlachtbetrieben miserabel sind. Ein höherer Mindestlohn hieße: Dann kosten eben auch die Frikadellen ein paar Cent mehr. Fliegen für 19,90 Euro? Taschenkontrolle nach Niedriglohn bezahlt? Das passt doch alles nicht zusammen. Dann ist das Ticket eben etwas teurer.

Kein Wettbewerb auf dem Rücken der Beschäftigten mehr!

In der Debatte um die Höhe des Mindestlohns spielt aber noch ein wichtiger Punkt eine Rolle: Ein höherer Mindestlohn macht es attraktiver, arbeiten zu gehen. Bei 8,84 Euro pro Stunde könnte jemand auf den Gedanken kommen, dass es doch gar nicht lohnt, eine Tätigkeit aufzunehmen. Es gibt ja Hartz IV. 

Jahrelang argumentierten die Gegner des Mindestlohnes, dass eine solche Untergrenze Arbeit verlagern werde. Wenn in Deutschland der Mindestlohn gelte, dann werde eben in Asien produziert. Aber Jobs in der Produktion für Ungelernte, die sind an deutschen Standorten doch eh schon gestrichen. Den großen Bereich Dienstleistungen kann man aber nicht verlagern. Putzen und bewachen muss man vor Ort. Der Mindestlohn ist da eine Erleichterung für die Branchen: Ihn müssen alle zahlen, der Wettbewerb um den niedrigsten Preis wird nicht mehr auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Gut, dass er in Deutschland eingeführt wurde. Zeit, ihn zu erhöhen.

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Eine "verfestigte Ungleichheit" bei den Vermögen

Das Bundeskabinett hat den Armuts- und Reichtumsbericht beschlossen. Die soziale Lage hat sich demnach positiv entwickelt, aber beim Vermögen gibt es große Unterschiede. Mehr bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentare | 13.04.2017 | 17:08 Uhr