Stand: 05.03.2017 00:00 Uhr

Das harte Raser-Urteil wirkt abschreckend

Lebenslang wegen Mordes - so lautet das Urteil im Prozess gegen zwei junge Sportwagenfahrer aus Berlin. Sie hatten sich vor einem Jahr ein illegales Autorennen in der Nähe des Kurfürstendamms geliefert, bei dem dann ein Unbeteiligter ums Leben kam. Auch wenn die Berufung noch aussteht: Es ist ein wegweisendes Urteil.

Ein Kommentar von Lars Reckermann, Chefredakteur der "Nordwest-Zeitung"

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Lars Reckermann hofft, dass das Urteil nicht nur in der Raser-Szene eine Reaktion auslöst.

Fahren Sie doch einmal auf einer Autobahn mit Tempolimit 100 wirklich 100 Kilometer pro Stunde - auch gerne links, weil schneller ja verboten wäre - egal auf welchem Fahrstreifen Sie unterwegs sind. Ich verspreche Ihnen, es dauert nicht lange, bis Sie sich den Zorn einer nicht geringen Zahl von Autofahrern zuziehen. Sie werden nicht nur - garantiert - rechts überholt, Ihnen werden auch noch alle Krankheiten aus einem medizinischen Handbuch an den Hals gewünscht - plus Kolbenfresser.

"Freie Fahrt für freie Bürger" - der ADAC-Slogan aus den 70er-Jahren ist für viele Autofahrer immer noch das Leitbild einer deutschen Autokultur. Da stören Geschwindigkeitsschilder nur. Wenn der Bleifuß irgendwann doch einmal ein Blitzlicht auslöst und Strafe gezahlt werden muss, fallen bei der nächsten Autowäsche eben Heißwachs und Felgenreinigung aus. Wird schon wieder.

15 Jahre Haft sind nicht übertrieben

Seit dem 27. Februar 2017 ist das anders: Seit dem vergangenen Montag hängt am absichtlich durchgedrückten Gaspedal das Etikettenschild "Mord". Erstmals in Deutschland hat ein Gericht zwei junge Männer, die bei einem Rennen mitten in Berlin einen Unbeteiligten töteten, wegen Mordes verurteilt - und nicht wegen fahrlässiger Tötung.

Nur zur Verdeutlichung: In der Regel gibt es bei fahrlässiger Tötung zwei Jahre Haft auf Bewährung. Die Strafe für Mord ist lebenslange Haft, wobei mindestens 15 Jahre abgesessen werden müssen. Völlig übertrieben? Nein!

Auch die Hersteller müssen umdenken

Geschwindigkeitsfanatiker sind aus niederen Beweggründen unterwegs. Das mutige Berliner Urteil bestätigt hoffentlich auch letztinstanzlich der Bundesgerichtshof. Hoffentlich löst dieses Urteil nicht nur in der Raser-Szene eine Reaktion aus. Denn auch bei den Autoherstellern stehen PS-starke Modelle nach wie vor im Mittelpunkt der Entwicklung. Schauen wir uns doch nur einmal die jüngsten Auto-Shows in Detroit, Genf oder Frankfurt an. Es werden viele Millionen Euro in Entwicklungen gesteckt, nur um ein Auto noch ein bisschen schneller bewegen zu können. Bei der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien hinken deutsche Hersteller weltweit aber noch hinterher.

Wenn Rasen zur Funsportart wird

Zur Wahrheit zählt allerdings auch, dass Teile der Gesellschaft diese Raserei erst hoffähig gemacht haben. Das spiegelt sich in einschlägigen Automagazinen im Fernsehen wider. Am krassesten treibt es das Magazin eines Privatsenders, deren "Tester" regelmäßig Wettbewerbe austragen, wer mit welchem Auto am schnellsten von A nach B kommt - auf öffentlichen Straßen, wohlgemerkt. Die fegen mit mehr als 280 Kilometer pro Stunde über die Autobahnen. Rasen als Funsportart mit Autos, die vom Gericht jetzt als Waffe, als gemeingefährliches Mittel eingestuft wurden.

Einen Schritt weiter denken

Das Berliner Urteil hat bereits etwas bewirkt. Das Thema Raserei wurde sprichwörtlich von Null auf 160 ins Bewusstsein auch derjenigen Menschen katapultiert, die die Szene nur in Großstädten oder auf Parkplätzen großer Möbelhäuser vermuteten. Ich bin davon überzeugt, dass sich andere Raser durch das Urteil abschrecken lassen.

Jetzt sollte aber auch noch ein Schritt weiter gedacht werden - über die Raser-Szene hinaus. Ich meine nicht ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Da zeigt die Statistik, dass es in Ländern mit einem Tempolimit durchaus öfter auf den Schnellstraßen zu einem Unfall kommt.

Nach dem Flug- fehlt noch der Fahrmodus für Smartphones

Ich spreche vom Handy, vom Alleskönner namens Smartphone. Experten schätzen, dass wahrscheinlich 50.000 Unfälle im Jahr passieren, weil Fahrer mit Smartphones hantieren. Leider gibt es in Deutschland keine Untersuchungen, wie häufig das Handy tatsächlich der Auslöser für Unfälle ist. Fest steht aber: Wer bei hoher Geschwindigkeit nur einen kurzen Blick auf seine Nachrichten wirft, ist zwischen 50 und 100 Meter im Blindflug unterwegs.

Dabei wäre eine Lösung so einfach, denn jedes Mal, wenn wir in ein Flugzeug steigen, versetzen wir das Smartphone in den Flugmodus. Warum gibt es eigentlich noch keinen Fahrmodus für die Geräte?

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NDR Info | Kommentare | 05.03.2017 | 09:25 Uhr