Stand: 12.10.2017 16:55 Uhr

Das Hunger-Drama ist menschengemacht

815 Millionen Menschen hungern auf dieser Welt. Doch die Zahl alleine kann natürlich nicht beschreiben, was diese Menschen durchmachen - wie sie leiden, wenn es nicht ausreichend zu essen und zu trinken gibt. Die Welthungerhilfe schlägt Alarm: Der Welthunger-Index macht deutlich, dass die Zahl der Hungernden in einem Jahr um 38 Millionen Menschen angewachsen ist. Ein Grund: schwere Dürren, wie zum Beispiel im Frühjahr in Ostafrika. Aber das allein erklärt das Hunger-Drama nicht.

Ein Kommentar von Alexander Göbel, ARD-Korrespondent, z.Zt. im Ostafrika-Studio Nairobi

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Vor allem wegen menschlicher Gier, Machtstreben und mangelnder Solidarität gelingt es laut Alexander Göbel nicht, den Hunger auf der Welt zu beenden.

Klaus von Grebmer vom Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik (IFPRI) behauptet: "Den Hunger zu beenden ist keine Hexerei." Der Mann hat völlig Recht. Wenn das aber so ist, warum gibt es dann Hunger überhaupt?

Dürre allein macht zum Beispiel noch keinen Hunger. Es ist der von uns allen beeinflusste Klimawandel, der in Ostafrika riesige Landstriche immer weiter veröden lässt - und das in immer kürzeren Zeitabständen. Und wenn es mal regnet, dann wird die letzte fruchtbare Krume einfach weggespült.

Krisen mit Ansage

Dabei gibt es Frühwarnsysteme, etwa in Ostafrika: In Kenia sind Dürren vorhersagbar, es sind Krisen mit Ansage. Die Regierung dort war und ist mit sich selbst viel zu beschäftigt, um zu handeln - obwohl bekannt war, dass die vergangenen drei Regenzeiten zu schwach ausfallen und schlechte Ernten bringen würden.  

Hilfsmilliarden fließen nicht wie zugesagt

Die Folgen sehen wir dann in den Abendnachrichten - wenn wir sie denn noch sehen wollen. Erst stirbt das Vieh, und dann der Mensch, wenn er sich nicht mit letzter Kraft in andere Länder retten kann - oder wenn Nahrungsmittelhilfe kommt.

Wenn sie denn kommt, denn das ist das ist der nächste Skandal: Die Vereinten Nationen haben einen klaren Bedarf kalkuliert, aber von den großspurig zugesagten Hilfsmilliarden haben die wohlhabenden Geberländer bislang nur einen lächerlichen Bruchteil eingezahlt - und das auch noch viel zu spät.  

Jetzt muss gehandelt werden

Wenn das UNO-Ziel "Null Hunger" bis 2030 tatsächlich noch erreicht werden soll, müssten Regierungen, der Privatsektor, die Zivilgesellschaft und internationale Organisationen jetzt handeln. Was schwierig wird, denn Hilfe muss jedes Mal aufs Neue mühsam zusammengebettelt werden. Hilfe, die Leben retten, aber doch nur die Symptome bekämpfen kann.

Hunger wird im Krieg zur Waffe

Denn Hunger ist auch eine Folge von Machtkämpfen, Krieg und Terror. Menschen fliehen vor Boko Haram im Norden Nigerias, vor Al-Shabab in Somalia oder vor dem Gemetzel im Jemen, im Süd-Sudan, im Kongo oder in der Zentralafrikanischen Republik. Ja, sie fliehen auch vor der Dürre. Aber eben vor allem vor dem Hunger, der im Krieg zur Waffe wird. Wenn zum Beispiel der süd-sudanesische Präsident Salva Kiir sagt, er habe schlaflose Nächte und sei in Gedanken immer bei dem Kind, das in seinem Dorf Hunger leidet, dann ist das pure Heuchelei. Denn seine Regierung kauft mit Erdöl-Erträgen lieber Waffen als Lebensmittel; und so wie die Rebellen greift auch Kiirs Armee Hilfskonvois an.

Zynismus der Einen macht den Hunger der Anderen

Beispiele, die erklären, warum Hungersnöte immer wiederkommen, warum die Zahl der Hungernden weltweit sogar wieder gestiegen ist - laut Vereinten Nationen auf derzeit 815 Millionen.

Wenn es keine Hexerei ist, den Hunger zu beenden, warum gibt es ihn dann immer noch? Weil Hunger von Menschen gemacht ist. Weil Menschen offenbar nicht fähig oder nicht willens sind, ihn auch zu beenden. Weil sie nicht langfristig denken. Weil Hunger immer Ursachen hat, die mit menschlichem Handeln zusammenhängen. Mit Verantwortungslosigkeit, mit Gier, mit Macht, mit mangelnder Solidarität. Der Zynismus der Einen macht den Hunger der Anderen.

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Spendenkonten: Hilfe gegen den Hunger in Afrika

Hilfe gegen den Hunger in Afrika: Das Bündnis Entwicklung Hilft & Partner sowie weitere Organisationen rufen zu Spenden auf. Infos und Kontodaten finden Sie bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentare | 12.10.2017 | 17:08 Uhr