Forum am Sonntag

Republikanischer Islam?

Sonntag, 26. März 2017, 06:05 bis 06:30 Uhr, NDR Info

Frankreichs Debatte um einen nationalen Reformislam
Von Margit Hillmann

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Nach dem Attentat in Nizza hat Frankreichs Premierminister von den Muslimen verlangt, Verantwortung im Kampf gegen den IS-Terror zu übernehmen.

Charlie Hebdo, Bataclan, Nizza - der IS-Terrorismus hat das Verhältnis großer Teile der französischen Gesellschaft zum Islam spürbar verschlechtert. Salafisten und Fundamentalisten setzen nicht auf Dialog. Nach dem Attentat in Nizza hat Frankreichs Premierminister von den Muslimen im Land verlangt, Verantwortung im Kampf gegen den IS-Terror zu übernehmen und den Islam von Grund auf zu reformieren. Ein französischer Islam soll entstehen: unabhängig vom Ausland und kompatibel mit den Werten der laizistischen Republik. Auch unter Frankreichs geschätzten vier Millionen Muslimen wächst die Kritik an einem erstarrten und überholten Islam. Doch braucht das Land einen Islam à la francaise, wie ihn die Politik fordert? Wie tief sollen die Reformen gehen? Was muss sich ändern? Fragen, die innerhalb der muslimischen Reformbewegung kontrovers diskutiert werden.

Den französischen Reformislam organisieren

Weil das französische Laizismusprinzip dem Staat verbietet, sich in Glaubensfragen einzumischen, hat die Regierung inzwischen eine Stiftung beauftragt. Die Fondation de l'Islam de France soll den französischen Reformislam organisieren. Auf den Chefsessel berufen hat sie einen Nicht-Muslimen: Den 77-jährigen Ex-Innenminister Jean-Pierre Chevenèment. Zum festen Team der Stiftung zählen aber auch namhafte muslimische Intellektuelle und Islamspezialisten. Darunter Ghaleb Bencheikh, Mitte 50, Islamologe, Theologe und langjähriger Moderator eines Islam-Magazins im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

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Republikanischer Islam?

26.03.2017 06:05 Uhr

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"Sich Gott hingeben"

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Der Begriff "Islam" ist zu einer Worthülse verkommen", beklagt der Islamologe Ghaleb Bencheikh.

20 Uhr, in der letzten Etage des Pariser Kulturinstitut der Arabischen Welt: Der rundum verglaste große Konferenzsaal ist voll. Rund 400 Gäste lauschen konzentriert Ghaleb Bencheikh. Der Islamologe - lässig-eleganter Anzug, schwarze umrandete Brille - hält einen Vortrag über Herkunft und Bedeutung des Wortes 'Islam'. "Der Begriff ist zu einer Worthülse verkommen", beklagt der Islamologe. Jeder fülle sie nach Belieben: Dschihadisten wie Gläubige, Nichtgläubige oder Politiker. Und noch immer, moniert Bencheikh mit krauser Stirn, übersetzten selbst gebildete Franzosen das arabische "Islam“ mit "Sousmission" - Unterwerfung: "Es gibt die seriösen Islamwissenschaften, und es gab eine widerwärtige Orientalistik, geprägt vom Kolonialismus. Sie hat plumpe Unwahrheiten verbreitet, wie diese: Pfff - Islam heißt nichts weiter als Unterwerfung. Das ist falsch. In einen Zustand des Friedens eintreten - das ist die etymologische, ursprüngliche Bedeutung des Wortes Islam. Gemeint ist der innere, der Seelenfrieden. Das bedeutet Muslim sein. Und es meint auch: Sich Gott hingeben."

Muslimische Intellektuelle und Islamspezialisten drängen auf Reformen. Kann Frankreich in dieser Hinsicht ein Vorbild für Deutschland sein?