Forum am Sonntag

Leben für die politische Bewegung

Sonntag, 03. Juli 2016, 06:05 bis 06:30 Uhr, NDR Info

"Atomkraft? Nein Danke" steht auf einem Aufkleber, den ein Schüler bei einer Demonstration im niedersächsischen Lüchow auf seine Stirn geklebt hat © dpa Fotograf: Marcus Brand

Aktivistinnen in Norddeutschland

NDR Info - Forum am Sonntag -

Es gibt tatsächlich Aktivistinnen, die für ein monatliches Gehalt an Protestaktionen teilnehmen. In Norddeutschland gibt es zwei Frauen, die erzählen, warum.

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Aktivistinnen in Norddeutschland
Von Michael Hollenbach

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Cécile Lecomte klettert für ihre Protest-Aktionen oft auf Gebäude - daher ihr Spitzname: Eichhörnchen.

Sie sind radikal und oft kompromisslos: Junge Frauen, die auf einen festen Arbeitsplatz verzichten und sich stattdessen für ihre politische Arbeit bezahlen lassen - so genannte "Bewegungsarbeiterinnen". Ob gegen Castortransporte, gegen Fracking oder gegen Sexismus -  Vollzeit-Aktivistinnen wie Cécile Lecomte, Hanna Poddig oder Lisa Lehmann sind dabei. Cécile Lecomte hat nach ihrem Studium zunächst in Lüneburg als Lehrerin für Französisch an einer Waldorfschule gearbeitet. Sie wollte in der Nähe des Wendlands, in der Nähe des Widerstands gegen Gorleben wohnen: "Es ist schon so, dass ich früh in der internationalen Vernetzung von Anti-Atomarbeit eingestiegen bin, weil man braucht immer Leute, die übersetzen." Doch bald merkte Cécile Lecomte, dass sie ihren Beruf und das politische Engagement nicht mehr unter einen Hut bringen konnte. Außerdem war die Schulleitung wenig begeistert, dass sie wegen ihrer gewaltfreien Aktionen öfter Ärger mit der Polizei bekam

Finanzielle Förderung über eine Stiftung

Finanziell gefördert wird die Kletteraktivistin seit einigen Jahren von der Bewegungsstiftung. Matthias Fiedler ist Geschäftsführer dieser ungewöhnlichen Organisation aus dem niedersächsischen Verden. Das Programm zur Unterstützung so genannter Bewegungsarbeiterinnen sei aus dem Bedarf entstanden: "Nämlich dass es in sozialen Bewegungen Menschen gibt, die eine vernetzende oder tragende Rolle haben und die irgendwann mal in ihrem politischen Arbeiten vor der Entscheidung stehen: Fange ich bei einer NGO an zu arbeiten, fange ich bei einer Organisation an, das hat dann mit Abhängigkeiten zu tun, oder verdiene ich mein Brot irgendwo anders und dann häufig die Entscheidung fällt, man muss das Politische zurückschrauben, um für die Daseinsvorsorge zu arbeiten, und es gibt Aktivistinnen, die gesagt haben, sie wollen unabhängig bleiben, und da haben wir gemerkt, dass wir ein Programm brauchen und haben dieses Bewegungsarbeiterinnen-Programm entwickelt."

Passen nicht ins Bild der Vollblutpolitikerin

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Die Polit-Aktivistin Cécile Lecomte protestiert gegen den "Keksprozess". (Archivbild)

Das Programm: Über ein System von insgesamt 140 Spenderinnen und Spender werden bis zu zehn Aktivisten finanziell gefördert. Jede Bewegungsarbeiterin hat zwischen fünf und 40 Paten. Die Geförderten bekommen zwischen 300 und 900 Euro im Monat. Engagierte junge Frauen, die nicht so ganz ins Klischee passen jener Generation Y, die doch eher in virtuellen Welten unterwegs sein soll und sich politisch höchstens mal für eine online-Kampagne erwärmen kann. Die Kategorien "rechts" und "links" passen längst nicht mehr zu ihnen. Auch nicht das Bild von der Vollblutpolitikerin. Spurensuche eines neuen Phänomens.