Forum am Sonntag

Himmlischer Strom

Sonntag, 17. Mai 2015, 06:05 bis 06:30 Uhr , NDR Info

Mecklenburgs Kirche als Wind-Unternehmer
Von Alexa Hennings

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Befürworter nennen Windräder liebevoll Windmühlen. Die Gegner sprechen von einer Verunstaltung der Landschaft.

Überall in Mecklenburg-Vorpommern regt sich Widerstand gegen den Bau neuer Windkraftanlagen. In vielen Gemeinden ist der Dorffrieden dahin. Und nun will auch noch die Kirche mitmachen: Das "Kirchliche Energiewerk" versucht die Gemeinden zu überzeugen, auf ihrem Land Windräder zu bauen. Mehr als 50 Bürgerinitiativen haben haben sich schon zum landesweiten Aktionsbündnis "Freier Horizont" zusammen geschlossen. Ganze Kommunen stellen sich mit Beschlüssen gegen weitere Windräder. Vor wenigen Tagen wurde ein Volksbegehren auf den Weg gebracht, das mit größeren Abständen zu Wohnhäusern weitere Windparks verhindern will. Die Stimmung ist aufgeheizt. Und in dieses Kampfgetümmel hat sich jetzt auch die Kirche begeben. Die Schauplätze des Kampfes sind über das ganze Land verteilt. Schauplatz Nummer eins: Schwerin, ein Büro, daß noch keines ist.

"Bebauen und bewahren"

Gottfried Timm, ehemals Pastor in Röbel, später Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern und jetzt Energie-Unternehmer.

Hier empfängt Gottfried Timm Besucher in einem Besprechungsraum der mecklenburgischen Kirche. Ein eigenes Büro hat das "Kirchliche Energiewerk" noch nicht. Vor einem Jahr wurde es von der Evangelischen Kirche Mecklenburg und dem Schweriner Energieunternehmen WEMAG gegründet. Die Kirche hält eine knappe Mehrheit, neben einer Mitarbeiterin der Energiefirma ist Gottfried Timm Geschäftsführer. Gottfried Timm, ehemals Pastor in Röbel, später Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern und jetzt Energie-Unternehmer, führt immer ein Bibelwort an, wenn er überzeugen will: Ihr sollt die Schöpfung bebauen und bewahren. "Gemeint ist es so, daß nicht die einen die Schöpfung bebauen, die Unternehmer, die Wirtschaft, die Landwirtschaft, das sind die für die Bebauung Zuständigen. Und die anderen, die Naturschützer, die Umweltschützer, die Kirchen, die machen so ein bißchen was zur Bewahrung. Diese Schizophrenie halte ich für falsch und gefährlich. Und deswegen sagen wir: Bebauen und bewahren zusammen. Und man kann die Schöpfung nur bewahren, wenn man sie ökologisch bebaut."

Windräder und Kirchtürme

Timms Job ist nicht einfach: die Kirchgemeinden sollen Land für Windräder hergeben. Das soll Einkünfte für die Kirchgemeinden und die Landeskirche bescheren. Bürger können sich an einer kirchlichen Genossenschaft oder an einer Bürgerstiftung beteiligen, damit denen, die unter den Rotorblättern leben, mehr bleibt als das Dauerrauschen. Doch das alles sind vorerst nur Ideen, denn das Kirchliche Energiewerk wartet derzeit darauf, welche neuen Windeignungsgebiete die regionalen und die Landesbehörden festlegen. Die Kirche als Unternehmer - das ist neu für die Nordkirche. Und alt zugleich: Schließlich waren früher die Pfarrhöfe auch Wirtschaftshöfe. Statt einem Zurück zu "Herrn Pastorn sin Kauw" soll es nun Windräder geben, die dreimal so hoch sind wie der Kirchturm. Wird dieses Bild zur Metapher: eine geschrumpfte Kirche neben einer riesigen Industrieanlage? Erkundungen zu Wind und Gegenwind in Mecklenburger Gemeinden.