Stand: 18.05.2017 15:58 Uhr

Ungewisse Zukunft für die Nomaden der Wüste

von Jörg Wunram, NDR Info

Die Wüste, die Sahara, ist ein Ort der Weite. Und ein sehr spezieller Platz zum Leben. Seit Jahrhunderten ziehen im Süden Marrokos Nomaden vor allem an den Rändern der großen Sanddünen mit ihren Tieren auf Futtersuche umher. Doch die Zeiten haben sich geändert. Viele Hirten mussten sesshaft werden, weil ihre Dromedare, Ziegen und Schafe in der Sahara immer weniger zu fressen finden. Das ist nicht nur für die Nomaden eine Herausforderung, sondern auch für die Regierung in der Provinz Zagora. Sie entwickelt Modelle für die Zukunft der Menschen, die sich bis heute als Nomaden fühlen.

Bild vergrößern
Die Wüste am Rand der Stadt M'hamid in Marokko.

M'hamid ist der letzte Ort, bevor es ins Nichts geht. Die kleine Stadt mit ihren knapp 10.000 Einwohnern liegt in der Provinz Zagora, im Süden Marokkos, am Rande der Wüste. Dort, wo alles ein bisschen geruhsamer zugeht und der Wind den Sahara-Blues herüber weht. Selbst die Hähne scheinen hier später zu krähen als in Marrakesch, Rabat oder Agadir. Von Hektik keine Spur. Ali Mohammed Banane lebt in M'hamid seit seiner Geburt. Er ist ein Kind der Wüste: "Ich kenne das Leben in der Wüste durch meine Familie. Mit 15 habe ich meine Schule beendet, dann lernte ich als Nomade zu leben." Tage- und wochenlang sei er allein in den Dünen unterwegs gewesen, auf Futtersuche mit 67 Dromedaren, erzählt er.

Der harte Karawanen-Alltag

Bild vergrößern
Ali Mohammed Banane lebte lange als Nomade. Mittlerweile zeigt er Touristen seine geliebte Wüste.

Alis Vater marschierte noch mit den Dromedaren in großen Karawanen bis Timbuktu. 50 Tage durch die Sahara, von Marokko bis Mali. Doch diese Zeiten, sagt Banane, seien längst vorbei: "Das Leben hat sich für uns total verändert. Als Nomade in der Wüste brauchte ich nicht viel. Ein paar Datteln, Mehl zum Brotbacken, Wasser, Tee, ein bisschen Zucker und die Milch der Dromedare. Heute ist das anders. Du brauchst Geld, ein Telefon, weil sich das Leben so verändert hat. Aber ich liebe es, in die Wüste zurückzukehren und das alte Leben zu leben."

Vom Leben in zwei Welten

Ali führt inzwischen aber zwei Leben. Eines für die Seele als Nomade und eines mit dem Verstand als moderner Unternehmer.  Anstatt mit Dromedaren auf Futtersuche zu gehen, zeigt der 42-Jährige jetzt Touristen aus aller Welt den Erg Chegaga. Erg ist Arabisch und heißt Dünenmeer. Ali Banane vermittelt also sein "Sahara-Feeling": "Das ist das Gefühl für die Wüste. Diese Sehnsucht nach der Weite. Hier kenne ich mich aus. Hier finde ich jeden Platz. Ich habe das schon als Kind gelernt. Für Fremde ist das kaum möglich."

Die Moderne bleibt fremd

Bild vergrößern
Salem el Fadmi ist Nomade. Er lebt mit seiner Familie am Rand der großen Düne.

Ali hat seinen neuen Weg gefunden. Andere Nomaden tun sich damit deutlich schwerer. Salem el Fadmi beispielsweise. Er lebt am Rande der großen Dünen, gemeinsam mit seiner Familie, etwa 30 Ziegen, zwei Dromedaren und einem Esel. Meist verlässt der großgewachsene Mann sein Zelt schon vor Sonnenaufgang. "Nach dem Frühstück gehe erst einmal eine Runde. Dann sehe ich, was zu tun ist. Manchmal gehe ich auch ohne Frühstück und halte Ausschau nach den Tieren, die ihr Futter suchen. Zwei, drei Stunden lang. Das ist dann etwas schwierig", erzählt er aus seinem Alltag.

Nach Salems Meinung liegt das auch am großen Staudamm, den die marokkanische Regierung erbauen ließ, um die großen Dattelplantagen im Draa-Tal mit Wasser zu versorgen. Im Erg Chegaga werde dagegen alles noch trockener. Die Tiere finden nichts mehr zu fressen. Aber in die Stadt ziehen? Das wäre für den 67-Jährigen undenkbar: "In der Stadt oder im Dorf musst du für vieles bezahlen. Ich habe aber kein Geld, weil ich in der Wüste nichts bezahlen muss. Hier bin ich ein freier Mann, habe meine Tiere und kann leben, wie ich möchte."

Der Tourismus als Chance

Die Provinz-Regierung in Zagora hat das Problem erkannt. Viele Wüstenbewohner haben ihr Nomadentum aufgegeben und sind sesshaft geworden. Der Tourismus sei eine Möglichkeit, wenigstens einen Teil ihrer Kultur zu bewahren.

"Die Provinz Zagora war immer eine Gegend mit uralten Oasen in einer total leeren Wüste. Nun sind Siedlungen entstanden und die Städte wachsen noch immer. Wenn die Leute den Gästen die Wüste zeigen, dann ziehen sie aber immer noch umher. Es ist einfach eine neue Zeit, an die sich die Menschen mithilfe des Tourismus anpassen können. Letztlich haben sie auch keine andere Wahl", sagt Mohammed Mouloud Banane. Er ist nicht nur der Bruder von Agentur-Besitzer Ali, sondern auch Stadtplaner in der Provinzhauptstadt Zagora. Er entwirft Modelle für die Zukunft der Nomaden. Bildung und Ausbildung, sagt Mohammed Mouloud, seien der Schlüssel: "Auch ich war ja Nomade. Dann ging ich zur Schule, habe studiert und bilde mich immer noch weiter. Mein Leben ist ein anderes geworden. Aber ich bin auch ein Nostalgiker. Und immer, wenn ich die Möglichkeit habe, kehre ich in die Wüste zurück."

Freiheit unter Sternen

Bild vergrößern
Die Wüste ist für Moustafa ein Ort für Erinnerungen, der Stille, der Inspiration - und somit auch ein Ort der Zukunft.

Dann sitzen Mohamed und Ali unter dem Sternenhimmel am Lagerfeuer. Manchmal ist auch Moustafa dabei. Ihr 26-jähriger Neffe lebt eigentlich in Marrakesch. Er hat Tourismus studiert, liebt die Sanddünen ebenfalls und macht Musik. Gerne greift er zur Gitarre und spielt seinen Sahara-Blues. Denn die Wüste, sagt Moustafa, sei zwar ein Ort für Erinnerungen, aber auch einer der Stille, der Inspiration und somit der Zukunft: "Die Wüste schafft es, dass ich mich als freier Mann fühle. So kann ich komponieren, neue Rhythmen ausprobieren und Texte schreiben. Wenn ich in die Wüste komme, finde ich, was ich brauche. Ich verbinde meine Gefühle mit dem Kopf. Letztlich ist die Musik mein Reisepass. Sie bringt dich überall hin."

Weitere Informationen

Echo der Welt

Jeden Sonntag liefert das Auslandsmagazin von NDR Info Reportagen und Berichte aus aller Welt. Für das "Echo der Welt" berichten vor allem die ARD-Korrespondenten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 21.05.2017 | 13:30 Uhr