Stand: 09.11.2017 17:19 Uhr

In Yiwu ist immer Weihnachten

von Steffen Wurzel, Korrespondent im ARD-Studio Shanghai

Noch sechs Wochen bis Weihnachten. Zimtsternen und Lebkuchen in den Supermärkten ist ab jetzt nicht mehr zu entgehen. Während das Gebäck aus lokaler Produktion stammt, kommen die meisten anderen Weihnachtsartikel - Plastiktannen beispielsweise - von weit her. Die ostchinesische Stadt Yiwu liegt rund eineinhalb Zug-Stunden westlich von Schanghai und ist eine auf den ersten Blick unscheinbare Stadt mit etwas weniger als einer Million Einwohnern. Doch schaut man genauer hin, hat es Yiwu in sich. Schätzungweise 60 Prozent aller Weihnachtsartikel weltweit werden in Yiwu hergestellt und gehandelt.

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Im Laden von Huang Jinhe gibt es ganzjährig Weihnachtsartikel in Hülle und Fülle.

Huang Jinhe steht in seinem Laden zwischen Dutzenden rund drei Meter hohen Regalen, vollgepackt mit Weihnachtskram. Das vermutlich deutscheste Produkt in seinem Laden sei diese Spieluhr. Kunden in Deutschland verlangten Qualität, sagt Huang. Auch die kleinen weißen Stoffsternchen würden sich gut auf deutschen Weihnachtsmärkten und in den Deko-Abteilungen der großen Supermärkte verkaufen.

Huangs Laden wimmelt nur so von vor allem kleinteiligen Artikeln: zum Beispiel weiß beflockte Christbaumkugeln, grün-goldene Glitzer-Sternchen, kitschig-blinkende Heiligen-Bilder und Krippenfiguren, die zwar nach Erzgebirge aussehen, aber ganz klar "Made in China" sind, genauer gesagt: "Made in Yiwu". Huang Jinhe nimmt eine Packung gold-rot glitzernde Deko-Schleifen aus dem Regal. "Eine Tüte kostet umgerechnet 13 Cent. Billigware! Mindestbestellmenge: einige Hundert Tüten."

Stofftiere zum Fest sind beliebt

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Das Interesse an Weihnachtsschmuck ist groß.

Huangs Laden befindet sich innerhalb des sogenannten Internationalen Handelsmarktes von Yiwu, einem mehrere Quadratkilometer großen Gelände mitten in der ostchinesischen Stadt. Es reiht sich Laden an Laden, von Klamotten über Elektronik-Ware, von Schreibwaren bis eben zu Weihnachtsartikeln gibt es fast alles. Und zwar das ganze Jahr über. "Dieses Jahr ist alles angesagt, was aus Stoff ist. Weihnachts-Stofftierchen zum Beispiel. Die verkaufen sich besonders gut in Russland. In Deutschland geht der Trend wieder zur Christbaum-Kugel-Optik. Vor allem in weiß."

Rund 20 Mitarbeiter in Huangs Firma sind das ganze Jahr über auf der Suche nach neuen Trends. Sie entscheiden mit darüber, wie der Weihnachtsschmuck aussieht, der am Jahresende in Deutschland verkauft wird. "Unsere Trendscouts besuchen Messen im Ausland und schauen sich im Internet um."

Singende Weihnachtsmützen für Südamerika

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Die Weihnachtsbäume aus Plastik entstehen in Handarbeit.

Die blinkende, singende, rot-weiße Weihnachtsmann-Mütze zielt auf den südamerikanischen Geschmack. Deswegen singt sie auch auf Spanisch. Europäer mögen es lieber schlicht, sagt Huang Jinhe und zeigt auf einen rund 20 Zentimeter großen Deko-Weihnachtsbaum aus Plastik: "Diese Bäume hier lassen wir in riesigen Stückzahlen produzieren. Die sind sehr billig. Pro Stück kosten die bei uns umgerechnet 26 Cent. Kaum zu glauben, oder?"

Wer wissen will, wo die "Made in China"-Plastikbäume genau herkommen, muss in ein Gewerbegebiet rund 20 Minuten außerhalb von Yiwu. Auf vier Stockwerken entstehen hier aus einfachem Draht und einer Menge grüner Plastikfolie Weihachtsbäume. Jin Minghua ist eine von rund 60 Arbeiterinnen und Arbeitern hier in der Fabrik. Sie überwacht die einzelnen Produktionsschritte: "Das ist der erste Schritt: Hier werden die Zweige mit den künstlichen Nadeln hergestellt. An dieser Maschine werden die Zweige gerollt."  Die rund vier Meter lange Maschine spuckt unablässig mit grünem Plastik umzwirbelten Draht aus. Ein Arbeiter schneidet von diesem Endlos-Tannenzweig rund 50 Zentimeter lange Stücke ab.

Harte Arbeit am Plastik-Weihnachtsbaum

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Aus einfachem Draht entstehen Zweige mit künstlichen Nadeln.

Ein Stockwerk höher stehen zehn junge Männer an großen Tischen. Oberkörper frei. Es ist staubig und heiß. Nicht sehr weihnachtlich. Ventilatoren laufen. "Hier werden die Zweige um den Draht-Baumstamm gerollt. Auch die ersten Lämpchen werden befestigt. Danach werden die Zweige so gewickelt, dass ein Bäumchen entsteht."

Die Männer wickeln die künstlichen Tannenzweige um einen Stamm aus dünnem Metall, fixieren das Ganze mit Klebeband. Immer wieder dieselbe Tätigkeit, bis zu zehn Stunden am Tag. Bezahlt werden sie nicht nach Stundenlohn, sondern pro Baum. Ein Arbeiter kann so bis zu 1.100 Euro im Monat verdienen. "So sieht das fertige Produkt aus! Drüben in der anderen Werkstatt wird dann noch alles verpackt."

Vorher werden die Bäume aber noch geschmückt - von Arbeiterinnen wie Jin Yixia. Während ihre beiden Töchter in der Schule sind, dekoriert sie hier halbtags Weihnachtsbäume. "Ich schmücke die Bäume mit Glitzer-Lämpchen. Ich mache die Bäume also noch hübscher! Alles per Handarbeit."

Weihnachten feiern ist Pflicht

Im Gegensatz zu vielen Freunden feiern die 45-Jährige und ihre Familie Weihnachten, sagt sie. Um den richtigen Baum zum Fest müsse sie sich keine Sorgen machen. "Zu kaufen brauche ich natürlich keinen Baum. Ich nehme mir hier einen aus der Fabrik mit! Wir Chinesen lieben Christbäume doch noch mehr als die Leute in anderen Ländern!" 

Im Weihnachtsartikel-Laden von Huang Jinhe, im Stadtzentrum von Yiwu, sind gerade einige Kartons mit Krippen-Figuren aus Keramik angekommen. Bei der Frage, ob auch er Ende Dezember mit seiner Familie Weihnachten feiert, legt er die Figuren kurz beiseite und wird nachdenklich. "Wir sind eine buddhistische Familie. Wegen meines Berufs gehen wir aber immer an Weihnachten alle gemeinsam in die Kirche. Ich verkaufe Weihnachtsprodukte. Da sollte ich der Religion ein bisschen Respekt zeigen!"

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 12.11.2017 | 13:30 Uhr