Stand: 09.08.2017 16:16 Uhr

In Bangkok liegt der Genuss auf der Straße

von Lena Bodewein

In der Hauptstadt Thailands gehören Streetfood-Stände zum Stadtbild. Während die Stände für Touristen ein Highlight sind, dienen sie der Bevölkerung als grundlegende Versorgung. Trotzdem legt die Regierung den Verkäufern immer wieder strenge Regeln auf, die sie beinahe zum Aufgeben zwingen.

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Einer von Bangkoks unzähligen Streetfood-Ständen

Ein Straßenabschnitt in Bangkok. Ein kleiner Verkaufsstand neben dem andern: Es riecht nach Ingwer, Zimt und Tamarinde, es gibt ganze Chilischoten, gehackte Chilischoten, gestampften Pfeffer, Knoblauch, Frühlingszwiebeln, Koriander, Limetten, Sojasauce, Schnittlauch, lange Bohnen, geschredderte Papaya. Die Verkäufer hantieren mit Woks, Töpfen und Gaskochern, es gibt gusseiserne Feuerstellen, eine neben der anderen, mobile Grills, auf Mofas oder Räder geschraubt, auf Karren. Ganze Küchenausrüstungen werden auf engstem Raum balanciert: Große Pfannen, kleine Töpfchen, Dosen, Tüten, Bündel, die von Haken baumeln, Mixer, Pressen, Kannen, Flaschen.

Das beste Streetfood der Welt

In Förmchen wird Fettgebackenes fabriziert, frisch gezischt und blubbernd auf der Platte am Gasanschluss direkt auf der Straße. Sie bereiten Crepes gefüllt mit Eigelb, Palmzucker und Kokosraspeln; Satayspieße mit Erdnusssoße; Sojamilch; Reiscracker mit gewickeltem Schweinefleisch; Thai Ice Tea; Klebreis im Bananenblatt mit Sirup;  Kokoswasser frisch aus der Nuss; gekochter oder gebratener Mais; Bananen gegrillt, fritiert und gekocht; Kürbisstücke, Taro und Süßkartoffeln...

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Die Bürgersteige Bangkoks sind mit Garküchen gepflastert.

Das beste Streetfood der Welt, so wurde Bangkoks Straßenküche kürzlich wieder ausgezeichnet. Und das alles auf einen Bürgersteig gequetscht, zwischen Strommasten und Straßenlaternen, Hydranten und Löcher, Schilder und ausgedienten Telefonzellen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sind Schaufenster und Häuserfronten. Dazwischen schieben und drängeln sich Passanten durch - Backpacker mit dicken Rucksäcken, Kunden bleiben an den Ständen stehen, es gibt Stau, viele weichen auf die Straße aus, wo sie Mopedtaxis und Lkw ausgesetzt sind. Doch an der nächsten Kreuzung haben sich die Garküchenstände schon auf die Chaussee ausgebreitet, der Verkehr hat keine Wahl als langsamer zu werden.

Es gibt immer mehr Vorschriften

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Pang verkauft in Fettgebackenes

Fischklösschen fallen zischend in Öl, Koriander wird rasend schnell gehackt, Kokoswasser abgefüllt. Sonchai wendet kleine Bananen, je drei auf einem Holzspieß, so liegen sie auf einem Grill zwischen Bürgersteig und Straßenverkehr. Neben ihm steht Pang, 36 Jahre alt. Seit 20 Jahren verkauft sie hier Sticky Rice und Jackfruit - mit immer härteren Vorschriften der Behörden: "Hier der Stand darf nicht breiter als 80 Zentimeter sein, wir müssen die Front verkleiden und so weiter. Und wenn sie sagen, dass wir gehen müssen, müssen wir gehen."

Bangkoks Behörden hatten einen Schock ausgelöst, als sie verkündeten, dass bis Ende des Jahres alle Straßenverkäufer weg müssten. Die Bürgersteige müssten frei sein, Ordnung und Hygiene herrschen. Inzwischen wurde das etwas relativiert: Die Verkäufer dürfen in Bereichen stehen, die zu Häusern oder Geschäften gehören, oder sie ziehen auf dafür vorgesehene Marktplätze und müssen dafür Miete zahlen - und die Kosten auf die Preise schlagen. "Ich muss mal sehen, ob mir das gefällt, was sie uns vorschlagen", sagt Pang. "Wenn nicht, muss ich ganz woanders hin, oder aufhören."

Von Streetfood lässt sich kaum leben

Davon sprechen viele. Denn bei Tagesumsätzen von zehn Dollar - wenn es gut läuft - sind fünf Dollar Miete ganz schön happig. Dass die städtischen Behörden sich so sehr auf Ordnung und Hygiene bedacht zeigen, glauben ihnen aber nicht alle: Viele vermuten, dass die Entwicklungsgesellschaften die Stadt bestochen haben - denn auf den freiwerdenden Plätzen der Streetfoodverkäufer lassen sich prima schicke neue Appartementgebäude für die aufstrebende Mittelschicht errichten.

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Kräftiges Essen für wenige Bath

Dennoch ist die Stimmung bei den Verkäufern gut: Es herrschen Freundschaft und Hilfsbereitschaft zwischen ihnen. Sie scherzen darüber, dass die eine schon Großmutter ist. Sie vertreten sich gegenseitig beim Verkauf, sie schanzen den Tuktukfahrern, die an ihren Stand kommen, nicht nur gegrillte Bananen, sondern auch Kunden zu.

Straßenküchen sind das Erbe chinesischer Einwanderer

"Ich habe direkt nach der Schule hier angefangen, wir sind schon die zweite Generation, diese Stände existieren hier seit 30 Jahren", sagt Pang. Viele noch viel länger. Dass die Straßenküche Bangkok prägt, ist ein Erbe der chinesischen Einwanderer: Im 19. Jahrhundert kamen sie in Massen und begannen, für Passanten am Straßenrand auf tragbaren Öfen zu kochen, um Geld zu verdienen. Damals wie heute werden Delikatessen fabriziert. Sommerrollen mit Minze; gefüllte Nudeln; Eier hundertjährig, gekocht, gebraten. Unfassbar scharfer Papayasalat mit fermentierter Krabbe; Klebreis mit Mango und Kokossauce; lange Würste; klebrige Reisnudelstückchen mit Erdnusskrümeln;  Pad Thai mit oder ohne Hühnchen; Krabbensuppe mit Nudeln, Fischstücken und Koriander; Dumplings aus hauchdünnem Reisteig mit Schnittlauch gefüllt; Bratreis mit Ananas; fritierte Wantannudeln mit Wachteleiern.

Die Touristen sind begeistert

"Streetfood ist für Thailand, was Bier für uns Deutsche ist. Darum kommen wir ja auch hierher." Natalia und Markus sind aus Berlin zu Besuch. Sie sitzen auf kleinen Plastikstühlen um die Ecke der Khaosan Road, vor einem Schild 'I love Thai food'.

Doch die Straßenküchen sind eben nicht nur eine Touristenveranstaltung: "Hier essen ja auch Locals, die können ja nicht das Doppelte oder Dreifache dafür bezahlen!“ Denn für Pendler ist Streetfood entscheidend: Anstatt einzukaufen und selbst zu kochen, sparen sie sich lieber die Zeit und können dafür länger arbeiten. Jeder Baht zählt.

Ein Leben für Streetfood

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Somboon verkauft seit 40 Jahren Streetfood

Somboon trägt Schürze und Kappe, steht hinter ihrem Wagen mit Sticky Reis und Papayasalat. "Seit 40 Jahren verkaufe ich hier. Um vier Uhr morgens koche ich Reis in Kokosmilch, verkaufe bis fünf Uhr nachmittags, packe alles ein, bereite die Papaya vor, schlafe ein paar Stunden, und um vier Uhr bin ich wieder auf."

Anwohner nutzen täglich die Stände

Eine harte Arbeit, die keiner zum Spaß macht oder weil er Vergnügen daran hat, den Bürgersteig zu blockieren. Die 80-jährige Nongyao Pongpanich wohnt hier direkt um die Ecke. In einem grüngemusterten Hemd mit Gehstock in der Hand kauft sie täglich ihren gekochten Kürbis hier - sie wäre sehr unglücklich, wenn die Stände weg müssten.

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Gerade alte Thais versorgen sich am Straßenrand mit günstigem Essen

Somboon und Nongyao unterhalten sich über eine Frau, die vorher eine Art Straßenrestaurant mit sechs Tischen hatte, immer voll besetzt. Jetzt hat sie einen Fischgrill auf dem Handwagen. Sie wartet, bis die Streetfood-Patrouille auf ihrem Straßenabschnitt da gewesen ist, dann geht sie raus und verkauft. So schnell wird die beste Straßenküche der Welt nicht kalt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 13.08.2017 | 13:30 Uhr