Stand: 16.02.2017 17:12 Uhr

Die Rettungsflieger vom Okavangodelta

von Jan-Philippe Schlüter, Korrespondent im ARD-Studio Johannesburg

Vom Ruhestand gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen. Manche denken an den kleinen Garten hinter dem Haus und dessen Pflege. Andere gehen nach Afrika und setzen sich als Rettungsflieger zur Ruhe. Vor fünf Jahren hat die deutsche Ärztin Mischa Kruck mit ihrem Mann ein neues Abenteuer gestartet: Die beiden haben sich am Rande des Okavangodelta in Botswana niedergelassen und eine Luftrettungsgesellschaft gegründet. Mit einem knallroten Hubschrauber und einem Flugzeug fliegt "Okavango Air Rescue" mittlerweile Menschen aus dem abgelegenen Busch in städtische Krankenhäuser. Eine Reportage aus dem "Echo der Welt" auf NDR Info.

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Der rote Hubschrauber ist der ganze Stolz der Luftrettungsgesellschaft "Okavango Air Rescue" in Botswana.

"Das ist der Stolz der Firma. Das ist unser Schätzchen, mit der wir angefangen haben." Das "Schätzchen", von dem Dr. Mischa Kruck schwärmt, ist ein knallroter Hubschrauber. Auf beiden Seiten steht in großen weißen Buchstaben "Okavango Air Rescue" - "Okavango Luftrettung".

"Wir sind seit Oktober 2012 mit ihr in der Luft. Seitdem haben wird schon viele Leben im Delta gerettet, auch in der Kalahari." Die Deutsche Mischa Kruck und ihr Mann Christian Gross aus der Schweiz gründeten die "Okavango Air Rescue" vor fünf Jahren. Kruck hat vorher als Notfallärztin in Kriegs- und Krisengebieten gearbeitet. Gross hat in den Arabischen Emiraten erfolgreich eine Firma gegründet, die gutes Geld verdient.

Die beiden haben sich erst vor acht Jahren kennengelernt. Sie beschlossen, mehr Zeit miteinander zu verbringen - und der Zufall brachte sie dann nach Botswana. Genauer gesagt in das Städtchen Maun, das Tor zum Okavangodelta. Dort wollten sie sich zur Ruhe setzen. "Zur Ruhe setzen heißt für uns aber nicht, dass wir in der Ecke sitzen und ein Buch lesen. Es heißt, dass wir etwas Sinnvolles tun", sagt Gross.

Hilfe im abgelegenen Delta

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Seit 2012 sind Dr. Mischa Kruck und Christian Gross mit ihrer Luftrettungsgesellschaft in Botswana aktiv.

Botswana liegt im südlichen Afrika und ist fast doppelt so groß wie Deutschland, mit gerade mal zwei Millionen Einwohnern aber sehr dünn besiedelt. Viele Gegenden sind abgelegen und nur schwer erreichbar. Für das Okavangodelta im Nordwesten Botswanas gilt das ganz besonders. Das UNESCO-Welterbe ist eines der größten und tierreichsten Feuchtgebiete der Welt, eine traumhaft schöne Touristenattraktion. Aber der Zugang ist sehr knifflig. Vor allem, wenn es um Menschenleben geht und es schnell gehen muss.

"Das Delta ist während des deutschen Winters mit viel Wasser gefüllt. Man kann nicht einfach mit dem Auto reinfahren. Es sind schwere Sandpisten und es dauert Stunden, bis man jemanden evakuieren kann."

Der herrenlose Helikopter

Die resolute Mischa Kruck mit dem verschmitzten Lächeln hat auch mal als Ärztin für die Schweizer Rettungsflugwacht Rega gearbeitet. Für sie und ihren Mann war deshalb schnell klar: Eigentlich bräuchte man hier eine Luftrettung - und dafür einen Hubschrauber. Und wie es der Zufall so wollte: "Der Helikopter hat hier in Maun fünf Jahre in einer Ecke gestanden. Der, der ihn gekauft hatte, hatte sich verspekuliert und wollte ihn verkaufen."

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Schnellere Rettung durch die Luft

Seit dem Kauf 2012 ist "Okavango Air Rescue" das einzige Rettungsunternehmen in Botswana, das einen Hubschrauber betreibt. Die Zeiten, in denen schwer kranke oder verletzte Patienten mit dem Jeep zur nächsten Landepiste rumpeln mussten, um von dort in einer Propellermaschine ausgeflogen zu werden, sind damit zumindest hier in der Region vorbei.

Und Patienten gibt es im Delta genug: Touristen oder Mitarbeiter der luxuriösen Buschcamps, die krank werden. Herzinfarkte, Schlaganfälle, Sonnenstiche. Oder Opfer von ungewöhnlichen Unfällen. "Wir hatten hier schwere Unfälle, Unfälle etwa mit Elefanten, die die Autos angreifen und umkippen. Dabei verletzen sich die Insassen schwer." Verletzungen wie Knochenbrüche, Schnittwunden und Quetschungen sind die Regel.

Ein unvergesslicher Unfall

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Die beiden Lebensretter haben bereits viele Einsätze geflogen und so vielen Menschen geholfen.

Aber an dem Unfall, der Mischa Kruck besonders im Gedächtnis geblieben ist, war kein Elefant beteiligt. Sondern ein Marabustorch, der einem im Delta landenden Propellerflugzeug in die Quere kam. "Ein Marabustorch ist direkt durch das hochgeklappte Frontfenster ins Cockpit geflogen, dem Piloten direkt ins Gesicht. Der Pilot ist sofort bewusstlos geworden, alles war voller Blut." Einer der Passagiere konnte das Flugzeug landen. Mit dem Hubschrauber sind Mischa Kruck und ihr Rettungsteam in den Busch geflogen, haben den Piloten versorgt und schließlich ausgeflogen. "Der hatte sein Auge verloren und das gesamte Gesicht zertrümmert. Ein hartes Schicksal. Auch für uns, wir wurden nie bezahlt für den Einsatz", erinnert sich Mischa Kruck.

Finanzierung durch das Gönner-System

"Okavango Air Rescue" verdient sein Geld mit den Rettungsflügen, die bei Touristen in der Regel die Versicherung übernehmen. Und es gibt - ganz nach dem Schweizer Rega-Vorbild - das sogenannte Gönner-System. Wer umgerechnet zwölf Euro im Jahr zahlt, hat im Delta Anspruch auf sofortige Rettung. Gut 10.000 Gönner hat die Firma schon. Und wenn es nach Christian Gross geht, kommen noch viele dazu. "Es gibt in Botswana 200.000 Leute, die diese umgerechnet zwölf Euro ausgeben können. Und wenn das zusammen kommen würde, dann könnte man ein Helikopternetz aufbauen, das das ganze Land abdeckt."

Große Ziele für eine Firma, die im Grunde zufällig entstanden ist und erst seit fünf Jahren im Einsatz ist. Aber "Okavango Air Rescue" ist profitabel - und hat seine knallrote Flotte mittlerweile vergrößert: Seit April steht ein Propellerflugzeug vor dem Hangar auf dem Flughafen von Maun, ausgerüstet mit Hightech-Betten für Intensiv-Patienten der kleinen Krankenhäuser der Region, die oft schlecht ausgestattet sind. "Okavango Air Rescue" holt die Patienten ab und fliegt sie ins besser ausgestattete Krankenhaus der Hauptstadt Gaborone oder ins benachbarte Südafrika.

Atemberaubende Sonnenuntergänge nach Feierabend

Es ist Abend geworden am Rand des Okavangodeltas. Mischa Kruck und Christian Gross sind nach Hause auf ihre Farm gefahren. Ein 100 Hektar großes Stück Land, auf das sie mehrere traditionelle Rundhäuser mit Strohdach gebaut haben. Hier leben sie umgeben von unberührter Natur mit vier Hunden, neun Pferden, zehn Gänsen - und dem Nilfpferd Ferdinand, das ab und zu aus dem nahegelegenen Thamalakane-Fluss heraufwatet und es sich vor der Veranda gemütlich macht.

Der Ausblick in die Natur beim Sonnenuntergang ist atemberaubend. Auf dem Grill braten Lammsteaks. Das Notfall-Handy bleibt stumm. An solchen Abenden sind Unfälle, Noteinsätze, Hubschrauber und große Pläne weit weg für Mischa Kruck und Christian Gross, die Rettungsflieger vom Okavangodelta.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 19.02.2017 | 13:30 Uhr