Stand: 21.04.2017 16:49 Uhr

Die Dürre am Horn von Afrika

von Bert Beyers, NDR

Das Horn von Afrika wird von einer katastrophalen Dürre heimgesucht, der schwersten seit 50 Jahren. Wissenschaftler sehen die Ursachen auch beim Klimawandel. Tausende Menschen sind schon verhungert, Millionen sind auf der Flucht vor der Trockenheit. Hunderttausende Tiere sind verdurstet. Betroffen sind vor allem Somalia, der Südsudan und auch Teile Äthiopiens. Ein Bericht aus einem Auffanglager der äthiopischen Regierung, den das "Echo der Welt" auf NDR Info sendet.

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Das Leben im Lager erfordert von den Menschen, die Opfer der Dürre geworden sind, viel Geduld.

Wenn es geregnet hat, kommt man hier gar nicht durch, sagt der Fahrer - metertiefe Pfützen versperren dann den Weg. Er jagt mit 80 bis 90 Stundenkilometern über eine Sand- und Schotterpiste. Aber es hat nicht geregnet, seit eineinhalb Jahren nicht. Die Fenster aufmachen? Das ist nicht ratsam, wegen der Staubwolken draußen. Sie stammen von den vorausfahrenden Autos. Wir fahren im Konvoi.

20 weiße UN-Jeeps rasen durch die ausgetrocknete Landschaft. Rote Sandpisten, roter Staub auf ausgetrockneten Büschen, ab und zu ein roter Termitenhügel. Nach eineinhalb Stunden sind wir da. Dies ist eine von etwa 50 Auffangstationen für Opfer der Dürre, hier im Osten von Äthiopien, an der Grenze zu Somalia.

Schlichte Hütten in großer Hitze

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Ohne Hilfslieferungen wären die Menschen in den Dürregebieten verloren.

Es ist heiß, mehr als 40 Grad. Eine Ansammlung von Hütten, oft sind sie mit bunt-gescheckten Plastikplanen bedeckt. Manche bestehen nur aus ausgetrockneten Zweigen. Eine Gruppe von Frauen steht zusammen, einige haben Kleinkinder im Arm. "Wir haben unsere Existenzgrundlage verloren", klagt eine der Frauen. "Wir haben viele Kinder und unsere Herde ist tot. Einige unserer Kinder sind gestorben. Unsere Männer sind in der Stadt oder sonst wo. Das ist unser Problem."

Die Frauen sind Nomaden. Nun sind sie hier festgesetzt, können sich nicht bewegen, sind auf Hilfe angewiesen. Wie lange? Niemand weiß es. Vielleicht regnet es im Herbst, vielleicht auch nicht. Selbst wenn es regnet, dauert es noch Monate, bis die überlebenden Tiere wieder Milch geben, was eine der Grundlagen der Ernährung ist. Die Herde der Hirten wieder aufzubauen, dauert Jahre.

Die Frauen tragen trotz der Not bunte Farben, sehr geschmackvoll. Wenn es ein Wort gibt, das beschreiben könnte, was diese Frauen ausstrahlen, dann ist es Würde.

Hirten sind besonders betroffen

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Die Hütten in den Aufnahmelagern sind schlicht und bieten den Menschen dort nur notdürftigen Schutz.

Am Anfang des Lagers steht ein UNICEF-Zelt, dort werden Kinder betreut. Viele sind unterernährt. Ein gelbes Band um den Oberarm zeigt an: das Kind braucht Aufbaunahrung, ein rotes Band bedeutet: Lebensgefahr.

"In Äthiopien haben wir etwa 9,6 Millionen Menschen, die von der Dürre geplagt sind", sagt Samuel Godfrey von UNICEF, dem Kinderhilfsprogramm der Vereinten Nationen. "In dieser Region leben vor allem Hirtenvölker. Sie sind auf den Regen angewiesen für ihre Tiere. Sie wechseln häufig zwischen Äthiopien und Somalia. Der Grenzverlauf ist in der Landschaft nicht zu erkennen. Nun haben die Hirten nicht nur ihre Tiere verloren, sondern sind selber große Strecken gezogen - und erschöpft. Mit ihrer Herde haben sie ihre Lebensgrundlage und damit die Ökonomie ihrer Haushalte verloren."

Unterricht unter erschwerten Bedingungen

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In der kleinen Schule im Flüchtlingslager lernen die Mädchen und Jungen unter einfachsten Bedingungen.

Es gibt im Lager auch einige feste Häuser. Und mitten im Nirgendwo: eine Schule. Drinnen sitzen Jungen und Mädchen, der Lehrer steht vor einer Tafel an der Wand. In der Schule werden Kinder von Nomaden unterrichtet. Aber auch Kinder von Familien, die dauerhaft hier wohnen. Es gibt zwei Klassen, eine vormittags, eine nachmittags, bis in den Abend hinein. Mathematik macht offensichtlich auch Spaß. Was die Kinder einmal werden wollen? Lehrer natürlich.

Es fehlen Brunnen und damit Wasser

Das Hauptproblem: Wasser, Wasser und noch mal Wasser. Samuel Godfrey koordiniert die Bohrarbeiten für Brunnen. "Die Ingenieure arbeiten mit Satellitenaufnahmen, um die tief liegenden und Wasser leitenden Schichten zu finden. 600 bis 800 Meter tief müssen sie hier bohren. Kosten pro Bohrloch: 800.000 bis 900.000 Euro. Das Wasser wird dann verteilt mit Tankfahrzeugen, sie fahren 300 bis 400 Kilometer am Tag - über Rüttelpisten in dieser Region. Viele der Bohrmannschaften kommen aus dem Jemen", berichtet Samuel. "Dort haben sie nach Öl gebohrt, hier nach Wasser - mit demselben Equipment."

Im Jemen leiden die Menschen noch mehr unter der Dürre. Schutzlos sind die Menschen dem Bürgerkrieg ausgesetzt. In Äthiopien, auf der anderen Seite des Roten Meeres, sind die staatlichen Strukturen intakt. Äthiopien hat über Jahre zehn Prozent Wirtschaftswachstum eingefahren. Auch deshalb konnte sich das Land auf die Dürre vorbereiten - und Auffanglager schaffen. Darauf können die internationalen Hilfsorganisationen nun aufbauen und müssen nicht bei Null anfangen, wie im Jemen.

Sehr viel Geld ist notwendig

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Es ist nicht abzusehen, wie lange die Dürre andauern wird und die Menschen noch in den Lagern bleiben müssen.

Der Finanzierungsbedarf für die Hungernden am Horn von Afrika liegt nach UN-Angaben bei vier Milliarden Dollar. Der größte Bedarf besteht im Südsudan. Von den vier Milliarden ist erst eine Milliarde gesichert. Deutschland hat seine Hilfszahlungen an Äthiopien unterdessen erhöht, dieses Jahr betragen sie mehr als 300 Millionen Euro.

Wir besteigen wieder unsere Jeeps. Zurück geht es wieder über die rostbraunen Pisten in Richtung Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Eine moderne Stadt und auch Sitz der Afrikanischen Union. Addis Abeba hat sogar eine Straßenbahn. Was denken die Menschen, die wir im Lager zurücklassen, über uns, die wir nur zwei Stunden hier waren und dann wieder abrauschen? Wie lange müssen sie hier ausharren? Wie halten sie das aus?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 23.04.2017 | 13:30 Uhr