Die Reportage

Müllhalde, Mondlandschaft, Naturparadies

Sonntag, 06. November 2016, 06:30 bis 07:00 Uhr, NDR Info

Von der Unterwelt bis auf die "Felsrippe" des Osnabrücker Piesbergs
Von Silke Lahmann-Lammert

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Aussichtsplattform auf der Felsrippe am Piesberg.

Der Piesberg lockt mit seiner ungezähmten Natur Menschen an, die Abenteuer mögen. Verschlungene Pfade, wucherndes Grün, Canyons voller Fossilien und Fledermäuse. Wer den höchsten Punkt - die sogenannte Felsrippe - erklimmt, blickt in einen gigantischen Trichter. Wie eine bizarre Mondlandschaft breitet sich in der Tiefe der größte Hartsteinbruch Europas aus. Ein abgezäuntes Gelände, auf dem an Wochentagen gesprengt wird. Über 55 Hektar groß ist die Fläche, auf der ein mexikanisches Unternehmen Karbonquarzit abbaut. Einen Sandstein, der für seine Härte bekannt ist. Seit Jahren frisst sich die Industrie mit schwerem Gerät in den Piesberg. Mit jeder Schicht, die sie abträgt, vergrößert sich der Krater, den sie zurücklässt. Von oben sieht das Gelände aus wie eine Mondlandschaft: Eine endlose Weite in Grau- und Ockertönen.

Anwohner kennen den Warnton, der an Wochentagen Sprengungen ankündigt

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Rolf Spilker, Direktor des Museums für Industriekultur in Osnabrück.

Steine wurden hier schon abgebaut, lange bevor das Dynamit erfunden war. Im benachbarten Wallenhorst gibt es eine Kirche, deren frühmittelalterliches Fundament aus Piesberg-Sandstein gemauert wurde. Der Abbau im großen Stil begann aber erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. "Man hat relativ früh angefangen, hier auch die Steine zu behauen. Wenn Sie auf den Osnabrücker Marktplatz gehen, da liegen Piesberger Steine, die im Akkord zurecht geschlagen wurden. Bis 1958 übrigens"...erzählt Rolf Spilker, Spezialist für Osnabrücker Industriegeschichte. "Dass das nicht beliebt war, das hab ich mal am eigenen Leibe gespürt, als ich nämlich in der ersten Schulklasse war. Da drohte meine Mutter mir: Junge, wenn du nicht lernst, kommst du als Steineklopfer zum Piesberg. Also es war 'ne richtige Drohung."

Die ersten Kilometer Wanderwege wurden 1997 angelegt

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Historischer Stollen der Zeche Piesberg.

Statt Steine zu klopfen, leitet Rolf Spilker heute das Osnabrücker Museum für Industriekultur, das in einem ehemaligen Zechengebäude am Piesberg untergebracht ist. Nur wenige hundert Meter vom Steinbruch entfernt. Auf der Straße dröhnen an Wochentagen die Lastwagen vorbei - schwer beladen mit Steinen, Kies und Splitt. Der Steinbruch ist immer noch ein großer Wirtschaftsfaktor. Und der Piesberg - hat man den Eindruck - wird immer kleiner. Wie stehen da Wirtschaftsinteressen gegen Naturinteressen - oder Naturschützer-Interessen? Rolf Spilker meint dazu: "Also ich bin sehr, sehr erstaunt, was eigentlich in den Jahren, wo ich hier bin, alles möglich geworden ist. Wir haben ja 1997 die ersten paar Kilometer Wanderwege gebaut."

Oase für seltene Tiere

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Ein alter Dampfkessel in einem Waldstück am Piesberg.

Inzwischen ist das Wegenetz auf zehn Kilometer angewachsen. Es führt durch eine Wildnis, wie man sie selten auf deutschen Wanderpfaden findet. Wälder aus Birken, Weiden und Zitterpappeln haben sich auf Halden und  Industriebrachen angesiedelt. Überall wuchert ungebändigtes Grün. Eine Oase für seltene Tiere. Mehr als 15 Fledermausarten sollen am Piesberg zu Hause sein. Industrie und Natur lagen am Piesberg schon immer nah beisammen. Das können Besucher erleben, die in den "Hasestollen" hinabfahren - so wie Osnabrücker Bergleute im 19. Jahrhundert. Nicht nur Steinkohle, auch gefährliche Altlasten lagern unter der Oberfläche: Reste einer Mülldeponie. Heute gewinnt die Stadt aus dem gärenden Unrat Energie.