Die Reportage

Elb-Insulaner

Sonntag, 07. August 2016, 06:30 bis 07:00 Uhr, NDR Info

Wie es sich auf der Hamburger Veddel lebt
Von Katharina Jetter

Bild vergrößern
Nur ein paar Haltestellen von Hamburgs Innenstadt entfernt und doch eine Welt für sich: Die Veddel.

"Uns haben sie hier vergessen", sagt Özulus Nurhak. Die junge Muslimin steht hinter der Kaffee-Theke in der zum offenen Treffpunkt umgebauten Immanuel-Kirche. Einen Pastor gibt es hier nicht mehr. Lohnt sich nicht. Auch die Sparkasse ist weg und die meisten Ärzte. Kein Laden weit und breit, ausgenommen ein Discounter. Die Veddel liegt nur ein paar Kilometer von Hamburgs Innenstadt entfernt und ist doch eine Welt für sich. In dem Stadtteil auf drei Elbinseln, eingekesselt durch Autobahnen, Hafen, Bahngleise und Industrie, leben fast 5000 Menschen, die meisten Einwanderer. Aber auch Künstler und Studenten.

Die Wikinger von der Veddel

Bild vergrößern
Sportler der Wanderruder- Gesellschaft "Die Wikinger" unterwegs auf der Elbe.

Das weiße Bootshaus des Wanderrudervereins "Die Wikinger" ist eine der wenigen Stellen, wo man in Veddel unmittelbar ans Wasser kommt. Ein funktionaler Bau aus den 50ern, zwei Stockwerke, mit Terrasse zum Wasser hin und großer Bootshalle. Ruhig ist es hier nie. Links rauscht der Verkehr über die Elbbrücken. Auf der anderen Seite des Seitenkanals der Norderelbe steht eine Lagerhalle, dahinter eine Schokoladenfabrik, die in Wellen Kakao-Geruch herüber schickt. Männer und Frauen in orangefarbenen Vereins-T-Shirts wuchten zwei schwere Ruderboote von einem Rollgerüst und tragen sie über die abfallende Wiese zum Steg. Es sind Wanderruderboote, acht Meter lang und ganz schön schwer, erklärt einer der Wikinger: "Das sind Boote, mit denen man auch mal durch Wind und Wasser fahren kann. Wir sind hier ja an der Norder-Elbe und haben im Gegensatz zu den Alstervereinen ein ganz anderes Revier. Wir haben hier viele Wellen und auch Wind."

Lebensqualität muss nicht zwangsläufig viel kosten

Bild vergrößern
Der Turm der Immanuelkirche auf der Veddel: Ob Christ oder Muslim spielt in dieser Kirche keine Rolle.

Eingerahmt von Elbe, Bahngleisen und Autobahn stehen hier sechsgeschossige Mietskasernen-Blöcke aus Rotklinker mit ruhigen Innenhöfen oder ein bisschen Grün vor der Tür - die ehemalige Arbeitersiedlung auf der Veddel. Viele der Bewohner kommen aus der Türkei, aus Albanien und aus afrikanischen Ländern. Mitten im Viertel steht die Immanuel-Kirche. Hier organisiert Hobbyhistoriker Dieter Thal sein Erzählcafé. Regelmäßige Gottesdienste gibt es in der Immanuel-Kirche nicht mehr. Mangels Nachfrage, erzählt Dieter Thal: "Der Pastor ist nicht mehr da. Wenn er sonntags auf der Kanzel steht und guckt nach unten und da sitzen nur drei Pappnasen und gucken ihn an, ja, was soll dann so was? Und später schreien die Leute alle: Unsere schöne Kirche, was haben sie aus der Kirche gemacht? Da sind ja die Bänke raus genommen worden und das ist ja ein Multi-Kulti-Raum!" Die Kirche ein Multi-Kulti-Raum ohne Bänke? Ohne Pastor? Für Dieter Thal kein Problem. "Hauptsache es kommt Leben und Gemeinschaft auf die Veddel."

Die Veddel - ein Biotop ohne Geld und wenig Investoren. Aber trostlos ist die Veddel deshalb nicht. Viele alte Vereine und neue interkulturelle Projekte zeigen, dass mehr Lebensqualität nicht zwangsläufig viel kosten muss. Engagement reicht. Fürs Erste.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/info/sendungen/die_reportage/Elb-Insulaner,sendung531200.html