Das Feature

Tripperburg

Sonntag, 18. Juni 2017, 11:05 bis 12:00 Uhr, NDR Info

Eingang zur ehemaligen Kommunalpoliklinik in Rostock. © dpa Fotograf: Bernd Wüstneck

Tripperburg

NDR Info - Das Feature -

"Tripperburgen" - zu DDR-Zeiten hießen so die geschlossenen Stationen zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten bei Mädchen und Frauen. Langsam kommt ans Licht, was sich dort abspielte.

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Ein Feature von Nathalie Nad-Abonji
Produktion: RBB/NDR 2017(Ursendung)

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Auf den geschlossenen Stationen der DDR-Polikliniken wurden Geschlechtskrankheiten behandelt.

Waschen und Antreten zur täglichen Vergewaltigung - so begann der Tag auf den geschlossenen Stationen zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten in den Polikliniken der DDR. Nach den Forschungen des Medizinhistorikers Florian Steger gab es sie in jeder größeren Bezirksstadt, Tausende Frauen durchliefen sie zwischen 1961 und 1989. Nur 20 bis 30 Prozent waren überhaupt an Gonorrhoe, also Tripper erkrankt. Was also sollte die Internierung, wen traf sie und warum wird erst jetzt darüber gesprochen?

Wissen sie, dass hier mal ‘ne Tripperburg drin war zu DDR Zeiten? Doris (damals 16) im Feature "Tripperburg".

Die "Tripperburg" von einst ist heute ein schickes Fitnesscenter, mitten in der Altstadt Rostocks gelegen, zwischen Post und Rathaus. Doris erinnert sich genau, wie sie 1968 dort hinter Gittern landete. Damals war sie 16 und wieder mal vor ihrem prügelnden Vater geflohen. Polizisten griffen sie auf und lieferten sie in der "Tripperburg" ab. Mit den Folgen kämpft sie bis heute.

"Herumtreiberinnen" wurden eingeliefert

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Meist war es die Polizei, die von zu Hause oder aus dem Heim ausgerissene junge Mädchen in die Kliniken einlieferte.

"Tripperburg"? So hießen die geschlossenen Stationen zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten zu DDR-Zeiten kurz und derb im Volksmund. Es gab sie nicht nur in Rostock, sondern auch in Berlin, Leipzig, Halle oder Erfurt. Zwangseingewiesen wurden Frauen, deren Lebensstil nicht DDR-konform war, die als "Personen mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern (HwG)" und "Arbeitsbummelantinnen" denunziert worden waren.

Landen konnten dort aber auch schon zwölfjährige Mädchen, die von zu Hause oder aus einem Heim ausgerissen waren. Die Polizei lieferte sie als "Herumtreiberinnen" ein. Dokumentiert sind auch Fälle, in denen überforderte Eltern die Tochter selbst in einer "Tripperburg" abgaben.

"Das war jeden Morgen das Schlimmste"

Während sich an Gonorrhoe erkrankte Männer ambulant behandeln lassen konnten, wurden in dem Land, das sich die Gleichberechtigung auf die Fahnen geschrieben hatte, zwischen 1961 und 1989 Tausende Frauen - ob geschlechtskrank oder nicht - auf geschlossenen venerologischen Stationen interniert: mit Gitterstäben vor den Fenstern, ohne Hofgang, ohne Besuchsrecht. Sie bekamen einen Anstaltskittel und mussten täglich eine gynäkologische Untersuchung über sich ergehen lassen, absichtlich grob und über vier bis sechs Wochen, auch wenn der Abstrich auf Gonorrhoe, also Tripper immer wieder negativ ausfiel.

"Jeden Tag antreten zur täglichen Vergewaltigung, so kam ich mir vor. Das war jeden Morgen das Schlimmste." Elfriede (damals 15) im Feature "Tripperburg"

Vielfach gehörten "Fieberspritzen" zur Zwangsprozedur, um den Ausbruch der angeblich schlafenden Krankheit zu triggern.

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Tripperburg

18.06.2017 11:05 Uhr

"Tripperburgen" - zu DDR-Zeiten hießen so die geschlossenen Stationen zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten bei Mädchen und Frauen. Das Manuskript des Features zum Nachlesen. Download (281 KB)

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