Das Feature

Maria wird reisen

Sonntag, 12. Juni 2016, 11:05 bis 12:00 Uhr, NDR Info

Vom Anspruch auf Staatsangehörigkeit
Ein Feature von Arne Schulz und Urs Spindler
Produktion: NDR/RBB 2016 (Ursendung)

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Maria lebte jahrelang in Ungewissheit. Erst kurz vor ihrem 18. Geburtstag erkannte Polen ihre Staatsangehörigkeit an.

Der Grenzbeamte am Warschauer Flughafen schiebt Marias Pass in den Scanner, schaut sie prüfend an. Die Sekunden verrinnen: fünf, sechs. Der Mann blickt ihr direkt in die Augen, Maria weicht aus, sieht zu Boden. Endlich flimmert es auf dem Monitor in der Kabine und der Mann gibt Maria ihren Pass zurück. Sie nimmt ihn und hastet an dem Glaskasten vorbei, schnellen Schrittes Richtung Gate. Dort wartet schon ihr Bruder Piotr. "Warum hat es so lange gedauert?", murmelt Maria. "Weil es das erste Mal war", antwortet ihr Bruder. Es ist Marias erster Flug und es ist das erste Mal überhaupt, dass sie ihr Heimatland Polen verlässt. Denn als Staatenlose konnte sie Polen nicht verlasssen.

Als Marias Mutter verschwindet ...

Marias Geschichte beginnt in einer Klinik am Stadtrand des polnischen Sandomierz, ein kantiger, mehrstöckiger Zweckbau in der Nähe einer Autobahnausfahrt. Hier kommt Maria Jakab am 16. März 1997 zur Welt. Es ist ein kalter Frühlingstag, in Warschau liegt noch der letzte Schnee.

Für die Hebammen und Ärzte ist Marias Geburt Routine. Die Mutter nennt ihren Namen und als Geburtsort Brasov in Rumänien. Die Mitarbeiter im Krankenhaus tragen die Angaben in ihre Akte ein. Es ist das übliche Prozedere. Doch nach fünf Tagen passiert etwas, das Maria Leben für immer verändern wird. Ihre Mutter verschwindet, lässt das neugeborene Mädchen im Krankenhaus zurück. Mit der Mutter verschwindet die wichtigste Zeugin für Name, Abstammung, Nationalität.

"Wir haben uns ein Mädchen gewünscht"

18 Jahre später, einige Monate vor Marias Abflug. Das sonnengelb getünchte Haus der Familie Rutyna duckt sich hinter drei hohe Fichten. Efeu rankt sich durch den Drahtzaun. Auf der Terrasse liegt ein Berg aus buntem Plastikspielzeug, ein Puppenhaus, ein aufblasbarer Scooby Doo. Zwei kleine, schwarze Hunde tollen kläffend zwischen überquellenden Blumenkübeln. Über dem Durchgang in die Wohnküche hängen Familienfotos: die beiden Söhne, Piotr und Pawel, ihre Mutter Elzbieta, der Vater Marek. Ein kleines Mädchen mit dunklen Locken: Maria. "Wir haben uns ein Mädchen gewünscht, und als das Waisenhaus sich bei uns meldete, haben wir das Angebot sofort angenommen", sagt Elzbieta Rutyna.

Ein kleiner Vermerk hat große Folgen

Maria mit einer pinkfarbenen Strickjacke im Garten. Maria im Regenmantel zwischen den zwei älteren Söhnen der Rutynas. Maria beim Fußball. Maria am Strand. Sie war zwei Jahre und zwei Monate alt, als die Familie sie bei sich aufnahm. Maria nennt Marek und Elzbieta Papa und Mama. Aber rechtlich gesehen sind die beiden bis heute nur die Pflegeeltern. Sie und ihre Tochter haben nicht einmal den gleichen Nachnamen.

Die Familie ringt seit 15 Jahren mit den juristischen Folgen des kleinen Vermerks in der Krankenhausakte: Geburtsort Brasov, Rumänien. Wäre Maria ein Findelkind mit unbekannten Eltern, sie hätte automatisch die polnische Staatsbürgerschaft bekommen. Aber für das vermeintlich rumänische Mädchen fühlt sich der polnische Staat nicht verantwortlich. Der rumänischen Botschaft wiederum genügt der Eintrag in der Krankenhausakte nicht, um Maria einen rumänischen Ausweis auszustellen. Für Maria bedeutet das: Kein Land erkennt sie als Staatsbürgerin an. Maria ist staatenlos.

Die Angst vor der Abschiebung

Von all dem ahnen Marek und Elzbieta im Sommer 1999 nichts. "Wir haben uns um die Papiere am Anfang gar keine Gedanken gemacht", sagt Marek Rutyna. Als sie aber Marias Nachnamen ändern möchten, stoßen sie das erste Mal auf Schwierigkeiten. Das Familiengericht lehnt den Antrag ab. "Sie haben uns gesagt, sie könnten nicht über Marysias Fall entscheiden, weil sie keine Polin ist", sagt Marek. Er ist ein resoluter, kräftiger Mann, aber wenn er über seine Tochter spricht, sagt er "Marysia", die Koseform mit weichem "sch".

Die Eltern haken nach: Was wäre, wenn sie Maria adoptieren würden? Bekäme sie dann die Staatsbürgerschaft? Was können sie sonst noch tun? Sie sprechen wieder und wieder beim Familiengericht vor. Irgendwann habe eine Richterin sie zur Seite genommen, berichtet Marek: Sie sollten den Fall lieber ruhen lassen, Maria könne das alles selbst lösen, wenn sie erwachsen sei. Wenn sie weiter prozessieren würden, drohe dem Kind womöglich die Abschiebung - nach Rumänien. "Das Letzte, was du willst, ist, dass dein Kind weggehen muss", sagt Marek. "Also haben wir nichts mehr getan."

Passkontrolle als Hindernis

Marek arbeitete zu der Zeit auf Baustellen in Zypern und in Deutschland, nur einige Wochen im Jahr war er bei seiner Familie. Bis Maria kam, hatten Elzbieta und die Söhne Marek oft im Ausland besucht. Nun machte Elzbieta sich Sorgen. Was würde passieren, wenn sie mit Maria in eine Passkontrolle gerieten? "Die Angst unsere Tochter zu verlieren war so groß", sagt Elzbieta. Also blieb sie mit Maria zu Hause.

Sieben, acht Jahre versuchen die Eltern ein normales Leben für Maria aufzubauen. "Aber irgendwann hat sie es nicht mehr ausgehalten", sagt Marek. Es wird für einen Moment still im Wohnzimmer der Rutynas, nur die kleine Julia quengelt und reibt sich um die Beine von Elzbieta. Das blonde Mädchen ist das jüngste Pflegekind der Familie. Maria hat die vergangenen zwei Stunden neben ihren Pflegeeltern auf dem Sofa gesessen und fast nichts gesagt. Marek hat den Arm um sie gelegt, jetzt schiebt sie ihn zur Seite. "Ich war es immer gewohnt, dass mich Leute komisch anschauen", sagt Maria.

Manchmal sei sie einfach nur traurig gewesen - zum Beispiel weil sie die Klassenfahrt nach Slowenien auslassen musste, oder weil sie ihren Vater nicht im Ausland besuchen konnte. "Meine Eltern haben mir gesagt, dass es ein Problem ist, einen Pass zu bekommen. Ich habe das damals alles noch nicht so richtig verstanden. Aber ich habe meine Eltern immer wieder gefragt: Warum kann ich Papa nicht besuchen?"

"Sie ist nicht mehr unsere Angelegenheit"

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Staatenlose Menschen fühlen sich oft hilflos und sind mit der Gesetzeslage in ihrem Land überfordert. Rechtshilfeorganisationen forden, ihnen Schutzrechte zu gewähren. extern

Im Jahr 2009 versuchen Marias Eltern es noch einmal. Sie stellen einen Antrag beim Provinzgouverneur, um Marias polnische Staatsbürgerschaft bestätigen zu lassen. "Wir haben einfach gehofft, dass jemand Verständnis für unsere Situation hat", sagt Marek. Der Antrag wird abgelehnt. Schließlich habe Maria nie die polnische Staatsbürgerschaft besessen. Die Regionalverwaltung legt den Eltern ein Dokument vor, in dem die rumänische Botschaft die Existenz von Marias Mutter im Geburtenregister bestätigt. Den polnischen Behörden genügt das als Beweis: Maria ist keine Polin.

Die Rutynas beantragen daraufhin eine Aufenthaltsgenehmigung für Ausländer, um zumindest sicher zu sein, dass ihr Kind nicht abgeschoben werden kann. Aber die bekommen sie nicht ohne Ausweis. In einem letzten, verzweifelten Versuch wenden sie sich noch einmal an die rumänische Botschaft. Doch die weigert sich, auf Basis der Aktenlage einen Ausweis auszustellen. An den Satz, mit dem er abgewiesen worden sei, erinnere er sich noch ganz genau, sagt Marek: "Sie ist nicht mehr unsere Angelegenheit."

Maria ist staatenlos

"Wir standen allein vor diesem Berg aus Regelungen und Gesetzen und wir waren kurz davor aufzugeben", sagt Elzbieta heute. Die Verfahren ziehen sich über Monate, über Jahre. Es kostet sie Kraft und bringt doch keinen Fortschritt. Marek beginnt Briefe zu schreiben, an Anwälte und Hilfsorganisationen, an Medien und alte Schulfreunde. Im Sommer 2012 landet einer davon bei der Helsinki-Stiftung für Menschenrechte in Warschau, Elzbietas Bruder hatte den Kontakt vermittelt. Die Anwältin Dorota Pudzianowska trifft sich mit den Eltern, arbeitet sich in den Fall ein. "Es ist unmöglich für die Betroffenen mit so einer Situation alleine fertig zu werden. Und es ist schockierend, dass keine Behörde sich jemals dieses Mädchens angenommen hat", sagt sie. Pudzianowska spricht zum ersten Mal aus, wofür Marek und Elzbieta nicht einmal Worte haben: Maria ist staatenlos.

Anwälte schalten sich ein

Für Menschen in Marias Lage kennt die polnische Gesetzgebung keine einfache Lösung. Als eines von wenigen europäischen Ländern ist Polen keiner der UNO-Konventionen zur Vermeidung von Staatenlosigkeit beigetreten. Die Anwälte müssen irgendwie einen Weg finden, Marias Anspruch aus den nationalen Gesetzen abzuleiten. Die Stiftung holt Martha Kuchno dazu, eine Anwältin der internationalen Großkanzlei White&Case. Kuchno versucht vor Ort in Rumänien Dokumente für Maria zu beantragen.

Doch auch sie wird abgewiesen: Ohne die persönliche Anwesenheit beider Eltern, so heißt es nun, sei es nicht möglich, Maria als rumänische Staatsbürgerin anzuerkennen. Doch Marias Mutter ist nicht auffindbar, der Vater ohnehin unbekannt. "An diesem Punkt haben wir festgestellt, dass es für Maria nicht möglich ist, Dokumente irgendeines Staates zu erhalten. Sie war de facto staatenlos", sagt Dorota Pudzianowska.

Entscheidung für einen riskanten Schritt

In dieser Zeit bemerken Elzbieta und Marek, dass ihre Tochter sich verändert. "Ich habe mich zurückgezogen. Für eine Zeit war ich gar nicht ich selbst", sagt Maria heute. "Ich hörte plötzlich diesen Begriff, der gegen alles in meinem Leben war: staatenlos. Ich bin in Polen geboren, ich spreche polnisch. Und plötzlich sagt jemand zu mir: Du existierst nicht im Register, Du hast keine Dokumente, also gibt es Dich nicht."

Die Anwälte entscheiden sich für einen Antrag auf Verleihung der Staatsbürgerschaft durch den polnischen Präsidenten. Ein riskanter Schritt: Wird der Antrag ablehnt, gibt es keine Möglichkeit zum Widerspruch. Sie reichen die Unterlagen für die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung ein, ein Aktenstapel so dick wie ein Buch. Viel mehr können sie nicht tun.

Post vom Präsidenten

Die Anwältin schreibt einen Brief an den Präsidenten, Marek wendet sich an einen alten Schulfreund aus dem Dorf, Jan Warzecha, der inzwischen Mitglied des polnischen Parlaments ist. Er spricht mit dem polnischen Radio, die Zeitung berichtet - jetzt ist die Empörung groß über den Fall des kleinen Mädchens, das polnisch spricht und in Polen aufgewachsen ist, aber fast 17 Jahre keine Staatsbürgerschaft hatte.

Im Sommer vor ihrem 18. Geburtstag stellt die Post Maria eine rote Mappe mit Leineneinband zu, eingeprägt das Wappen der Nation. Maria bekommt die Staatsbürgerschaft verliehen, per Dekret des Präsidenten.

Wenige Monate später, im Juli 2015: Der Grenzbeamte am Warschauer Flughafen gibt Maria ihren Pass zurück. Sie wird reisen, nach Bristol, wo Vater Marek und Bruder Piotr arbeiten. Es ist die erste echte Reise ihres Lebens.

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