Stand: 12.05.2017 17:21 Uhr

Wer berühmt sein will, muss nur "gut klicken"

Echte Stars, das waren früher zum Beispiel Schauspieler, Musiker oder Astronauten zum Beispiel. Heute reicht es zuweilen, eine Million Klicks auf YouTube zu sammeln, um richtig berühmt zu werden. Seltsam, das alles!

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Oft reichen heute schon "ein paar Hunderttausend Klicks", um richtig berühmt zu werden.

Wissen Sie, wer "Die Lochis" sind? Das sind richtige Mega-Monster-Stars! So hat es mir Dunja Hayali im ARD/ZDF-Morgenmagazin wieder und wieder eingebimst, und zwar so oft, bis es irgendwann wie eine Rechtfertigung wirkte, dass die Sendung mit dem Song einer Schülerband endet.

Das war es wohl auch, gehören Frau Hayali und ich doch zur Zielgruppe der 40- bis 90-Jährigen, die bei der Ankündigung einer Mega-Monster-Band irgendwas in der Gewichtsklasse von Stones, Genesis oder Pink Floyd erwartet. Darum hat sie auch schnell die Einheit nachgereicht, in der musikalische Mega-Monster heute vermessen werden: 700 Trilliarden Klicks auf YouTube! Gut, die ganz genaue Zahl weiß ich nicht mehr, aber es waren auf jeden Fall Abermillionen, die sich die Werke der Teenager-Kapelle gratis im Internet angehört haben - lediglich bezahlt mit dem Aushalten des vorgelagerten Audi-Werbespots.

Verdammt, man müsste noch mal 17 sein! Meine Lieblingsbands wären doch am ausgestreckten Tonarm verhungert, wenn mir jemand ihre Songs frei Haus geliefert hätte. Stattdessen habe ich in einem unserer fünf Plattenläden stundenlang über einem 20-Mark-Schein meditiert, ob ich jetzt zugunsten von Rare Earth auf Deep Purple verzichte oder umgekehrt. Umringt von zahllosen Taschengeldempfängern in ähnlichen Entscheidungsnöten, die ihre Idole ebenfalls und buchstäblich wertschätzen mussten. "Wert" beziffert sich in diesem Fall danach, was Leute bereit sind für etwas auszugeben, und Musik von YouTube ist in diesem Sinne nichts wert. Beispiel: Meine Yessongs für 30 Mark stehen als behütetes Gesamtkunstwerk im Wohnzimmerregal, als YouTube-Downloads verkrümeln die sich auf herumfliegenden Sticks und Speicherkarten und werden irgendwann einfach gelöscht. Kost ja nix.

Stellen wir uns mal vor, es sei jedem Haushalt möglich, auf dem heimischen 3-D-Drucker aus einem billigen Plastikklumpen die patentgeschützten Fischer-Dübel herzustellen. Ein einziger gekaufter Dübel würde dem Internet als Kopiervorlage reichen. Die teuren Dinger wären auf einen Schlag wertlos, und ich glaube nicht, dass sich Herr Fischer im Morgenmagazin für seine Klicks bejubeln ließe. Der würde stante pede beim Wirtschaftsministerium vorstellig, wo man eiligst  Schutzmaßnahmen für den Mittelstand ergriffe. Aber solange nur ein paar Musiker heulen, lässt sich ein vergleichbarer Vorgang politisch aushalten.

Übrigens: Die Lochis waren nicht schlecht - schönes Stück heute Morgen! Dafür hätte ich damals bei Phono Hinrichsen glatt einen Fünfer locker gemacht, aber jetzt werde ich mir die Nummer wohl doch für umsonst anhören müssen. Schön, dass die sich darüber auch noch freuen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 12.05.2017 | 18:25 Uhr