Stand: 17.11.2016 14:45 Uhr

In Tokios U-Bahn herrscht noch Ordnung

Strenge Regelwerke gehören zum Alltag in Asien, besonders in Japan. Tokios U-Bahn etwa ist übersät mit Verbotsschildern. Und ständig kommen neue hinzu. Nun aber scheint die Regelungswut etwas zu weit gegangen zu sein.

Eine Glosse von Jürgen Hanefeld, ARD-Hörfunkstudio Tokio

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Klasse: Noch ist schlafen in Tokios U-Bahnen erlaubt!

Irgendwann ist es auch mal gut mit der Gängelei. Ich weiß, Tokio hat die saubersten und pünktlichsten U-Bahnen der Welt, denn ich benutze sie täglich. Kein Vergleich zu Deutschland. Kein Geschmier, kein Graffiti, keine aufgeschlitzten Sitze, nicht mal ein Fitzelchen Bonbonpapier am Boden. Es ist eben alles eine Frage der Erziehung. Telefonieren in der Bahn ist nicht verboten, es gehört sich einfach nicht. Klasse! Essen und Trinken auch nicht, schließlich könnte man ja des Nachbarn Mantel besudeln. Nicht mal das Beine-übereinander-schlagen wird toleriert, damit niemand stolpert auf seinem Weg durch den Waggon. So weit, so gut.

Kein Achselschweiß mehr in der U-Bahn!

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"Tu was gegen Achselschweiß!" Die Schilder in Tokios U-Bahn schrecken vor (fast) nichts zurück.

Nun empfinden Japaner bekanntlich einen Zwang, Dinge zu verbessern. Auch solche, die eigentlich auch so schon gut sind. Im Sommer entdeckte ich in meiner U-Bahn, der es an Schildern wahrlich nicht mangelt, ein neues Schild. Genau genommen war es die Zeichnung einer jungen Frau - mit Hitlergruß. Wie bitte? Nein, natürlich kein Hitlergruß, sondern nur ein Hitlergruß-ähnlich ausgestreckter Arm und ein paar Schriftzeichen, die ich nicht deuten konnte. Meine Sekretärin wusste mehr: Das BDM-Mädel wies darauf hin, dass Achselschweiß unangenehm sein könne. Tu was dagegen, lautete der indiskrete Appell der Bahngesellschaft. Unwillkürlich zog ich bei der nächsten Fahrt den Arm aus der Halteschlaufe und - schnüffel, schnüffel - nein, ich war's nicht.

Kampagne gegen acht neue Missetaten

Nun aber sind die Bahnsittenwächter vollkommen durchgeknallt. Sie haben eine neue Kampagne erfunden, die sich gegen acht neue Missetaten wendet wie das Anrempeln mit einem Rucksack - hört, hört! - und gegen Pendler, die im Laufen auf ihr Smartphone gucken. Okay, geschenkt. Wie üblich in Japan gab es auch dagegen keinen Widerstand.

Aufstand der Frauen gegen das Schmink-Tabu

Nur die achte Todsünde bringt die Menschen auf die Palme. Vor allem die weiblichen. Der Spot, der in den U-Bahnzügen läuft, wendet sich an Frauen, die sich schminken. Nicht zu Hause, weil da keine Zeit und Muße ist, sondern unterwegs. Potzdonner! Das gehört sich nicht, sagt die Bahngesellschaft, die wissen muss, was sich gehört, und stößt damit tatsächlich eine Debatte an.

Im Internet beschweren sich Bahnkundinnen über den peinlichen Verweis. Sie fragen, ob nicht Betrunkene oder Grapscher ein größeres Problem darstellen als Frauen, die sich mithilfe ihres Musterkoffers innerhalb von elf Stationen vom Aschenputtel in eine dreifach bewimperte Melania Trump verwandeln.

Mein Urteil ist zweigeteilt. Erstens: Endlich mal ein Aufstand der Frauen in Japan! Zweitens: Meine Sorgen möchte ich haben!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 17.11.2016 | 18:25 Uhr