Stand: 04.10.2017 16:32 Uhr

Warum wollen bloß alle Arzt werden?

Heute hat sich das Bundesverfassungsgericht mit dem Numerus Clausus für das Medizinstudium befasst. Denn die große Nachfrage nach Medizin-Studienplätzen führt regelmäßig dazu, dass nur Bewerber mit einem Einser-Abitur eine Chance haben. Aber warum wollen bloß alle Arzt werden, fragt Detlev Gröning und bittet auf ein Wort.

Eine Glosse von Detlev Gröning

Bild vergrößern
Braucht man wirklich einen Numerus Clausus, um ein guter Arzt zu sein? Detlev Gröning hat da so seine Zweifel.

Ist es nicht ein gutes Gefühl, in einer Gesellschaft zu leben, in der so viele junge Leute zumindest den hedonistischen Teil ihrer Jugend opfern, um später mal eine geschwollene Prostata ertasten, eine Resektion vereiterter Weichteile vornehmen oder nachts um drei von einer Bereitschaftspritsche aufspringen zu dürfen, um die Havaristen einer Glatteisnacht auf der Autobahn wieder zusammenzuflicken?

Ich möchte all dies für kein Geld der Welt. Glücklicherweise soll es Menschen geben, die sich dafür sogar mit ihrem dürftigen 1,5er Abi-Schnitt unter Verfahrenskosten in den weißen Kittel hineinklagen, auch wenn so mancher bereits vor dem Leichenwendfest, also bevor der zu sezierende Lehrkörper vom Bauch auf den Rücken gedreht wird, zu Jura oder Betriebswirtschaft wechselt.

Einen leibhaftigen Eins-Nuller hab ich in meiner Schulzeit nie zu Gesicht bekommen, man sollte denken, die wären so selten wie freilaufende Zebras in Dithmarschen. Doch tatsächlich gibt es so viele, dass die hippokratischen Hörsäle noch höher überbucht sind als Strandhotels zum Pfingstwochenende, auch wenn ein paar Außenstehende missgünstig anzweifeln, dass in sämtlichen Seelen dieser Meistersinger des Fächerkanons ein angeborenes Helfersyndrom beheimatet ist. Denen ginge es in Wahrheit um die maximale Rendite aus freudloser Büffelei, die dermaleinst mit dem sechsfachen Honorarsatz von privat versicherter Kundschaft vergoldet würde.

Man möge sich nur mal vorstellen, ein Förster verdiene 250.000 Euro im Jahr. Dann hätte das Studium der Forstwirtschaft einen Numerus Clausus von 1,0 und die Gymnasial-Elite drängte es nicht mehr an den sterilen OP-Tisch sondern ins nebelnasse Unterholz. Daneben habe nicht zuletzt der Numerus Clausus zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen beigetragen. Beispielgebend denke man sich ein wolkenloses Abitur als unabdingbar, um sich einer Ausbildung im Sanitär-und Heizungsgewerbe verschreiben zu dürfen. Da sei es nur eine Frage weniger Jahre, bis sich die Mehrheit keinen Klempner mehr leisten kann, Brennholz sammelt, aus der Regentonne duscht und im Garten einen überdachten Donnerbalken zusammennagelt, während die Politik um das Zweiklassen-WC streitet.

Möglicherweise, so eine vage Vorahnung, sei nicht gänzlich auszuschließen, dass auch der gemeine Zwei-Fünfer Abiturient mit hoher emotionaler Kompetenz einen sehr passablen Arzt abgeben könnte.

Darum sollte das Bundesverfassungsgericht nach würdevoller Bedenkzeit zu einem guten Kompromiss kommen: Der Numerus Clausus fällt; dafür steht nun im Aufklärungsbogen des Krankenhauses, dass einen morgen womöglich jemand operieren könnte, der in Französisch und Erdkunde nur eine Drei hatte.

Ich finde: Das Risiko kann man eingehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 04.10.2017 | 18:25 Uhr