Stand: 02.02.2016 12:22 Uhr

Die japanischen Mietmönche

Bücher, CDs, DVDs, Elektronikartikel, Lebensmittel: Es gibt kaum etwas, was es beim Online-Versand Amazon nicht gibt. In Japan lassen sich sogar Mönche via Internet mieten. Tolle Sache das, oder?

Eine Glosse von Jürgen Hanefeld, ARD-Korrespondent für Japan in Tokio

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Der "Monk Delivery Service" bei Amazon ist nicht jedermanns Sache. (Screenshot)

Offen gestanden: Ich mag Amazon auch nicht. Sie ruinieren die Buchläden und beuten ihre Mitarbeiter aus. Deswegen boykottiere ich den Internethändler - soweit es geht. Ich meine damit: Es geht eben nicht immer. Hier in Japan, wo ich mit Frau und Katze lebe, lassen wir uns zwei Dinge ins Haus liefern: Sprudelwasser und Katzenstreu. Raten Sie mal, wer was kriegt? Auf das jüngste Angebot der Versandfritzen sind wir noch nicht angewiesen, aber wer weiß ..?

Schnell und geschmacklos

Der Mietmönch ist jedenfalls im Kommen. Ich nehme an, der Lieferservice ist genauso wie bei Mineralwasser und Katzenstreu: sauber, pünktlich und preiswert. In einem Land, in dem buddhistische Beerdigungen in Tempeln sündhaft geworden sind, ist der "Monk Delivery Service" eine prima Sache. Schnell und geschmacklos: Opa tot, Mönch kommt ins Haus, klingelt mit dem Glöckchen, brummelt Unverständliches, kassiert - und ab mit der Urne.

Wie lautet das nächste Amazon-Angebot?

Mal ehrlich: Wir haben doch sowieso keine Zeit mehr für das umständliche Brimborium von früher. Weinen, trauern, Karten schreiben, Sarg aussuchen, Leichenschmaus bestellen ... Ach, Gott! Ich bin sicher, auch Opa hätte dafür Verständnis - an meiner Stelle, meine ich.

Ich frage mich nur, ob Amazon auch bei diesem Produkt gleich das nächste Angebot hinterher schiebt: "Kunden, die ihren Opa per Mietmönch ins Jenseits geschickt haben, bieten wir jetzt das Rundum-Nirwana-Package! Dauer-Erleuchtung für alle!"

Fixer Friedhofsbummel in der Mittagspause

Übrigens: Auch beim Grab-Besuch ist man hier in Japan schon viel flotter und flexibler: Wie beim Sushi-Laufband kommt die gewünschte Urne auf Knopfdruck herbei. Da dauert so ein virtueller Friedhofsbummel in der Mittagspause maximal, nun ja, zehn Minuten. Immer noch genügend Zeit für ein leichtes Lunch.

"Höllenfeuer" und "Vollkommenes Glück"

Buddhisten sind anpassungsfähig, sagen die Buddhisten, nicht nur bei Sterberitualen, auch bei lebensnahen Freuden. Hier in Tokio betreiben sie eine Musik-Kneipe, in der Mönche bunte Cocktails mixen. "Höllenfeuer" und "Vollkommenes Glück" kann man da bestellen. Wo es keine Kirchensteuer gibt, da muss man sich eben anders finanzieren. Schließlich schläft ja auch die Konkurrenz nicht.

Shinto-Schreine vollziehen sündhaft teure Rituale für Kinder, und in jedem zweiten Hotelpalast Asiens gibt es eine auf christlich getrimmte Hochzeitskapelle. Wer unbedingt die Braut in Weiß will, leistet sich eben auch das Wedding-Package "Rent a Priest". Ganz ohne Glauben übrigens, aber Messwein inklusive.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 02.02.2016 | 18:25 Uhr