Stand: 13.09.2017 15:49 Uhr

Ein Hoch auf die Meister des Überflüssigen

Wenn in dieser Woche an der amerikanischen Elite-Uni Havard Forscher aus aller Welt ausgezeichnet werden, dürften nicht alle Betroffenen zur Preisverleihung anreisen. Denn die Ehre ist durchaus zweifelhaft: Mit dem sogenannten Ig-Nobelpreis werden besonders überflüssige Forschungen gewürdigt.

Eine Glosse

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Auch eine Idee: Wer für eine überflüssige Forschung ausgezeichnet wird, mag sich vielleicht am liebsten verstecken.

Die wunderbare Welt der Wissenschaft überrascht uns Laien immer wieder mit erstaunlichen Forschungsergebnissen. Wussten Sie, dass Hunde sich am Magnetfeld der Erde ausrichten, wenn sie ihr Geschäft verrichten? Dass Hühner wie Dinosaurier laufen, wenn man ihnen einen Pömpel an den Hintern hängt? Andere Forschergruppen konnten beweisen, dass betrunkene Menschen sich meistens für attraktiv halten. Und als wegweisend gilt eine Studie, die untersucht, was in den Gehirnen von Menschen vorgeht, die in einem Toast das Gesicht von Jesus zu erkennen glauben.

Die Forschergemeinde verneigt sich

Es sind wissenschaftliche Pioniertaten wie diese, die jetzt in Harvard ausgezeichnet werden. Nur Ignoranten werden einwenden, dass ihnen ein Pömpel am Hühnerhintern ebenso schnurz ist wie das Seelenleben von Betrunkenen. Nein, diese Forschungsarbeiten sind nicht überflüssig oder abwegig: Es sind wahre Meisterwerke der Irrelevanz. In Harvard verneigt sich die Forschergemeinde vor diesen Helden der Wissenschaft - und einem wissenschaftlichen Produkt, das bei maximalem Papierverbrauch minimalen Sinngehalt garantiert - richtig: vor der Studie.

Das "Noelle-Neumannsche Theorem"

Ein unscharf aufgenommener Stapel Papier. © Imago Fotograf: McPHOTO

Ein Loblied auf die Studie

NDR Info

An der amerikanischen Elite-Uni Harvard werden in dieser Woche besondere überflüssige Forschungsarbeiten gewürdigt. Das wurde aber auch Zeit! Marcel Güsken bittet auf ein Wort.

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Mit stiller Bewunderung schauen wir auf den Siegeszug der Studie in der modernen Welt, eine Erfolgsgeschichte, die sich einer unbegrenzten thematischen Vielfalt verdankt. Wer genug hat von Gassi-gehenden Hunden wendet sich eben neuen Fragen zu: Ob etwa die Zahl der SPD-Wähler signifikant steigt, wenn das Bild von Martin Schulz auf einem Toast erscheint. Oder ob sie sinkt, wenn der Kandidat einen Pömpel am Hintern trägt. Immer wieder bestätigt wird dabei eine Erkenntnis, die inzwischen auch als das "Noelle-Neumannsche Theorem" bekannt ist: Im gesamten Universum kann es keine Frage geben, die zu dämlich ist, um sie zum Thema einer Studie zu machen.

Umfrage ist die Basis

Ihre gesamte erkenntnis-gewinnende Kraft entfaltet die Studie im Bereich der Sozialwissenschaften, wo sie sich gern mit dem Instrument der Umfrage verbrüdert. Hiermit wird nicht nur sichergestellt, dass das gewünschte Forschungsergebnis von vornherein feststeht. Sondern auch, dass übersehene Reste von Realitätsbezug zuverlässig getilgt werden.

Könige des Nonsens

In einer Welt voller Scharlatanerie ist die Studie die finale Eskalationsstufe, und endlich wird die Meisterschaft ihrer Schöpfer angemessen gewürdigt. Wenn jetzt in Harvard einige Autoren ausgezeichnet werden, dann bekommen sie diese Ehrung stellvertretend für die vielen unbekannten Forscher, die sich nie von Sinnerwägungen beirren ließen, die sich nie knechten ließen von der Logik des gesunden Menschenverstandes. Alle sie sind Helden des Banalen, Meister des Überflüssigen, Könige des Nonsens.

Es gibt genug Stoff für neue Studien

Zugegeben: Früher hätte man solche Leute geteert und gefedert aus dem Dorf gejagt, weil sie in etwa so seriös arbeiten wie Gaukler, die obskure Heilwasser verkaufen oder die Zukunft aus ein paar Hühnerknochen vorhersagen. Dass diese Zeiten vorbei sind, mögen einige bedauern. Ohne Zweifel aber böte das Thema reichlich Stoff für eine neue Studie: Über die segensreichen Auswirkungen des Teerens und Federns auf den modernen Wissenschaftsbetrieb.

Unendliches Universum des Unfugs

Die wahren Könner sind allerdings längst über den Bereich der bloßen Studien hinausgewachsen. Sie wenden sich jetzt der Meta-Studie zu. Oder der Meta-Meta-Meta-Studie. Die Grundidee ist eine Untersuchung, die Studien beleuchtet, die wiederum Erhebungen auswerten, die weitere Untersuchungen analysieren, und so weiter, und so weiter: Ein unendliches, sich selbst reflektierendes Universum - an Unfug.

Würde man alle überflüssigen Studien aufeinander stapeln, könnte man mühelos die Entfernung von der Erde zur Sonne überbrücken. Sie glauben das nicht? Natürlich ist das erfundener Blödsinn, aber genau deshalb finden Sie es sicher bald schwarz auf weiß - in einer neuen Studie.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 13.09.2017 | 18:25 Uhr