Stand: 09.12.2016 15:34 Uhr

Der ganz normale "Wahnsinn des Jahres"

Das Jahr geht zu Ende, und wieder einmal jagt nicht nur ein Jahresrückblick den nächsten. Nein, es werden auch wieder massenweise Titel vergeben. So ist etwa Donald Trump am vergangenen Mittwoch vom "Time"-Magazin zur "Person des Jahres 2016" gewählt worden. Und "postfaktisch" setzte sich am Freitag als "Wort des Jahres" an die Spitze der Charts.

Eine Glosse von Peter Stein, NDR Info Kulturredaktion

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Ob 2016 das "Jahr des Jahres" war? Entscheiden Sie bitte selbst ...

Ja, auch Journalisten fällt es manchmal schwer, bei der alltäglichen Informationsflut den Durchblick zu behalten. Das wissen natürlich auch Parteien, Verbände und Organisationen. Wer also aus der Nachrichtenmasse herausstechen will, muss sich schon was Besonderes ausdenken.

Sogenannte Gedenk- und Aktionstage sind ein gutes Beispiel: Am Welt-Aids-Tag etwa befassen sich Hörfunk, Fernsehen und Zeitungen gerne mit der Krankheit, die sonst kaum noch eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung spielt. Gut so! Doch längst haben rücksichtslose Trittbrettfahrer-Organisationen ein fast undurchschaubares Geflecht geschaffen: Die Palette reicht vom "Sprich wie ein Pirat"-Tag, über den "Welt-Toiletten-Tag" bis hin zum "internationalen Wolkenkratzer-Tag".

Das "Wort des Jahres" am "Arbeitstag des Jahres"

Besonders nervös, regelrecht wuschig werden Redaktionen, wenn der Zusatz "des Jahres" vergeben wird - zumindest scheinen das die Verbände und Organisationen zu glauben. Und tatsächlich ist an diesem Freitag für viele Kollegen der "Arbeitstag des Jahres" gewesen. Das war auf den Redaktionsfluren ganz deutlich zu merken. Da war die Anspannung und Nervosität förmlich mit Händen zu greifen, bevor "postfaktisch" zum "Wort des Jahres 2016" gekürt wurde. Ähnlich ist die Stimmung eigentlich nur an dem Tag, an dem das "Unwort des Jahres" bekannt gegeben wird. Oder das "Jugendwort des Jahres" und natürlich die "Person des Jahres".

Der Zeit mal voraus sein

Wo soll das alles hinführen? Es hört ja auf absehbare Zeit nicht auf. Die FIFA etwa kürt die "Weltfußballer des Jahres" erst im Januar. Diese Ungewissheit wäre nicht zu ertragen, wenn wir nicht schon wenigstens ein paar "des Jahres"-Titel im Voraus vergeben hätten. So steht etwa schon seit Oktober die "Blume des Jahres 2017" fest. Übrigens - aber sie wissen das ja sowieso - ist das der Klatschmohn. Und auch der Waldkauz erfreut sich als "Vogel des Jahres 2017" schon jetzt ganz besonderer Aufmerksamkeit.

Mit dem "Vogel des Jahres" ist es nicht getan

Wobei da auch viele "Experten des Jahres" enttäuscht waren. Schließlich hätten sie dem Vorgänger, dem Stieglitz, durchaus eine zweite Amtszeit als "Vogel des Jahres" gegönnt. Aber da wollte der Naturschutzbund nicht mitmachen. Dort soll es ja übrigens - wie hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird - sogar eine extra Abteilung für die "des Jahres"-Titelvergabe geben. Mit dem "Vogel des Jahres" ist es ja nicht getan, wie uns ein Blick auf die Internetseite des NABU verrät. Schließlich muss ja immer auch ein "Lurch des Jahres", ein "Einzeller des Jahres", ein "Höhlentier des Jahres" und nicht zu vergessen eine "Flechte des Jahres" als solche erkannt, benannt und ausgezeichnet werden. Ein Fulltime-Job.

Was für ein Unsinn!

Das können wir in diesen Dezember-Tagen doch nur zu gut nachvollziehen, wo wir überpünktlich aus dem Büro stürzen, um bis zur Silvesterparty zu eruieren - man kann ja sonst nicht mitreden -, was eigentlich für uns ganz persönlich der "Moment des Jahres", der "Tiefpunkt des Jahres", der "beste Witz des Jahres" und - ganz wichtig - das "Kantinenessen des Jahres" war. Ich kann auf dieser Liste heute zumindest schon mal einen Haken machen. Dieser Text ist mein persönlicher "Unsinn des Jahres 2016".

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Der ganze "Wahnsinn des Jahres"

NDR Info - Auf ein Wort -

"Postfaktisch" ist das "Wort des Jahres" und Donald Trump die "Person des Jahres". Das ist der ganz normale "Wahnsinn des Jahres". Peter Stein bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 09.12.2016 | 18:25 Uhr