Stand: 25.08.2017 17:00 Uhr

Als die bunten Bilder laufen lernten

Ein kleiner Knopfdruck für einen Politiker, aber ein großer Sprung für die Deutschen: Vor 50 Jahren gab uns Willy Brandt das Farbfernsehen. Ein Segen für das Medium.

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Schwarz-Weiß oder Farbe? Finde den Unterschied!

"Das Farbfernsehen muss bleiben!" Eigentlich unverständlich, warum die SPD einen derartigen Wahlslogan liegen gelassen hat, ausgerechnet im Jubiläumsjahr. Schließlich war es Willy Brandt, der vor 50 Jahren um 10.57 Uhr den entscheidenden Knopf gedrückt hat. Um diesem Handgriff die Expertise zu nehmen, machte irgendjemand das Bild aber schon einige Sekunden früher farbig; womöglich ein missgünstiger Techniker der Kiesinger-Union, der einer Legendenbildung vorbeugen und das besagte Wahlplakat frühzeitig verhindern wollte.

Drei Stunden später präsentierten sich Jean Paul Belmondo und Claudia Cardinale erstmalig in Bunt, und noch am gleichen Abend hieß es ebenfalls in Farbe: "Bitte, Peter, den Bolzen" - "Der goldene Schuss" mit Vico Torriani. Vermutlich haben damals über ein Dutzend Leute an diesem völlig neuen Seherlebnis teilgenommen, aber die saßen in der Senderegie von ARD und ZDF und nicht daheim auf dem Sofa.

Vor dem Schaufenster von Radio Brodersen wich meinen Eltern die neuentdeckte Farbe nämlich erstmal aus dem Gesicht. Nicht, weil Geiz schon damals geil gewesen wäre, sondern weil man sich als Durchschnittsverdiener nach dem Ankauf eines "Körting Color Supermatic" drei Monate lang auf Pellkartoffeln, Graubrot und Leitungswasser einstellen durfte.

Übertragung der ersten Testsendung in Farbe in einem Frankfurter Kaufhaus. Aufgenommen 1967. © dpa

Willy macht das Fernsehen bunt

Vor 50 Jahren bekam das Fernsehen Farbe. Es war der Beginn eines neuen Zeitalters. Detlev Gröning erinnert sich lebhaft - und bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Glücklicherweise gehörte schon damals zum Markenkern neuer Unterhaltungstechnik, dass wir immer erst hinterher wissen, was man vorher schmerzlich zu vermissen gehabt hätte. Nie hörte ich auch nur das leiseste Wehklagen, dass man die Rinnsteinleiche beim Kommissar, die Textiltapeten der Unverbesserlichen, den schwarzen Abt oder die fliegenden Torten bei Dick und Doof so gern in Farbe gesehen hätte.

Nur selten, etwa bei Fußballspielen fühlte man sich in schwarz-weißer Ferne vom bunten Treiben abgehängt, wenn der Kommentar auf "die Azzuri, die Rothosen oder das Team in Königsblau" abhob, um - frei nach Heribert Fassbender - im Geheimen festzustellen: "Ein wenig Farbe würde meiner Reportage jetzt gut tun."

Und darum dauerte es bis 1974, dem Jahr unserer Fußball-WM, als Radio-Fernsehtechniker massenhaft die Bitte erreichte, lebenserhaltende Maßnahmen am altersschwachen Schwarz-Weiß-Gerät einzustellen und die letzte Röhre friedlich verglimmen zu lassen.

Nur im eigenen Haus blieb Willy Brandts Knopfdruck lange folgenlos. Selbst zwölf Jahre danach gab es nur noch eine einzige Fernsehshow ohne Farbe: Die Debatten aus dem Bundestag. Das ist weitgehend so geblieben, werden Sie vielleicht denken. Nun ja, aber immerhin sind die Bilder jetzt bunt.

Weitere Informationen

Vor 50 Jahren: Das Fernsehen bekommt Farbe

Mit einem symbolischen Knopfdruck startet Vizekanzler Willy Brandt am 25. August 1967 das Farbfernsehen in Deutschland. Die neue Technik stammt von Telefunken aus Hannover. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 25.08.2017 | 18:25 Uhr