Grenzenlos im Norden - 20 Jahre Mauerfall
Zeitzeugen erinnern sich bei NDR.de an die Wendezeit 1989 im Norden.mehr
Eine Reportage von Dani Parthum
Der kastenförmige Trabant mit Zweitaktmotor war ein Markenzeichen der DDR und ein Exportschlager im Ostblock. Er stand auch für den Wandel der real-sozialistischen Wirtschaft. In den 1960er-Jahren technisch noch auf der Höhe der Zeit, war der Trabant nach 20 Jahren Planwirtschaft nicht viel mehr als ein Moped auf vier Rädern. Dabei förderte der Staatsrat die Fahrzeugbranche, wie auch den Maschinenbau, um die DDR als leistungsfähig erscheinen zu lassen.
Das allerdings hatte katastrophale Folgen, erklärt der Wirtschaftshistoriker Andre Steiner vom Zentrum für zeithistorische Forschung im Rückblick: "Man hat ganz selektiv investiert und gleichzeitig bei anderen Betrieben die Mittel entzogen, sodass dort der Kapitalstock immer mehr verfallen ist. Der Kapitalstock war bezogen auf die gesamte Volkswirtschaft zu 50 Prozent verschlissen. Das ist ein extrem hoher Wert. Insofern war die DDR-Wirtschaft natürlich marode."
Außerdem war die DDR-Wirtschaft wenig produktiv - verglichen mit der Bundesrepublik sogar erschreckend wenig produktiv, wie sich der CSU-Politiker Theo Waigel erinnert, der in den 1980-Jahren westdeutscher Finanzminister war: "Das Ifo-Institut hatte mal eine Rechnung angestellt, wie hoch die Produktivität in der ostdeutschen Industrie war - sie lag weit unter 30 Prozent. Die gesamte Infrastruktur der DDR lag am Boden, der Wohnungsbau war in einem katastrophalen Zustand."
Die Systemprobleme der Planwirtschaft traten in den letzten Jahren der DDR sichtbar hervor. Überall herrschte Mangel: Die Bürger standen Schlange vor den Läden. Die arbeitende Bevölkerung war kaum motiviert, mehr zu leisten. Der technische Fortschritt stagnierte. Damit waren die in der DDR gefertigten Produkte kaum mehr konkurrenzfähig. "Bei Produkten, wo die DDR-Betriebe auf relativ hohem Niveau waren, war sie auf Zulieferungen aus dem Westen angewiesen. Werkzeugmaschinen waren im Westen zum Beispiel nur noch zu verkaufen, wenn man vorher die Steuerung von Siemens importierte", erklärt Steiner die Abhängigkeit der DDR-Wirtschaft vom Westen.
Einkaufen, um überhaupt etwas zu verkaufen - das war ein schlechtes Geschäft für die DDR. Sie musste sich immer öfter Geld im Ausland leihen, auch bei der Bundesrepublik. Der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) setzte 1983 zwei Milliardenkredite für die DDR durch, weil sie in einer ernsten Notlage steckte, so Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle: "Ab dem Jahr 1987 wurde ich extrem kritisch, was die Überlebensfähigkeit der DDR betrifft. Schon den Strauß-Kredit hatte ich mit großem Interesse verfolgt, letztlich hat er ja die DDR vor der Insolvenz bewahrt."
Die Probleme aber blieben: Die Staatsführung hatte das Volkseigentum abgewirtschaftet, sie unterhielt einen teuren Bürokratie- und Sicherheitsapparat, bereicherte sich, beutete die Umwelt aus und subventionierte zu viel. Der Staatsrat der DDR wusste um diesen desolaten Zustand. Und auch der damalige Kanzler Kohl war im Besitz dieser Information, als im Sommer 1989 die Leipziger Bürger das erste Mal demonstrierten.