Wulff spricht vor umstrittener Gruppierung
Der Vereinigung werden seit Jahren extrem rechte Sichtweisen vorgeworfen. (Meldung vom 19.05.2010)mehr
Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) ist wegen einer Rede am Mittwochabend im Bibelzentrum Bad Gandersheim in die Kritik geraten. Wulff sprach dort auf Einladung des "Arbeitskreises christlicher Publizisten" (ACP). Die Linke in Niedersachsen bezeichnete den ACP als eine "dubiose christlich- fundamentalistische Lobbygruppe". Und auch Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche kritisieren die Organisation.
Die Bezeichnung "Arbeitskreis christlicher Publizisten" (ACP) führt streng genommen im doppelten Sinne in die Irre: Denn weder sind namhafte Publizisten in erheblicher Zahl auf der Mitgliederliste des Vereins zu finden, noch ist hier ein "Kreis" von Aktiven am Werke, sondern aktiv ist vor allem ein Mann: der 83 Jahre alte, ehemalige Religionslehrer Heinz Matthias. Der streitet mit Inbrunst vor allem gegen eines: die "Verwässerung der biblischen Botschaft", wie er es nennt. Was er darunter versteht, ist in der aktuellen Ausgabe seines alle zwei Monate erscheinenden Mitgliedermagazins nachzulesen: Auf 24 Seiten wird dort Front gemacht gegen alles, was der von ihm aus der Bibel herausgelesenen Heilslehre widerspricht. Dazu gehört zum Beispiel Bundesjustizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger (FDP). Weil sie eine Schwulenparade mit einem Grußwort bedachte, wird ihr in dem ACP-Magazin eine atheistische Haltung bescheinigt.
Aus ähnlichem Holz geschnitzt ist die Epistel an die Adresse von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP). Der erntet "heiligen" Zorn für seine Bereitschaftschaft im Juli die Gay Games in Köln zu eröffnen. Da ist es sicher kein Zufall, dass im selben Heft darauf hingewiesen wird, dass Schwule Hauptbetroffene der Immunschwächekrankheit Aids seien. Als Gegenentwurf empfiehlt der ACP als Heilsbringer eine christlich-fundamentalistische Weltsicht. Besonders viel Erfahrungen gesammelt mit dem ACP hat man bei der evangelisch-württembergischen Landeskirche. Deren Beauftragter für Weltanschauungsfragen, Hansjörg Hemminger, bescheinigt dem Arbeitskreis eine "theologisch unheilvolle Rolle". "Am ACP ist verwerflich, dass er die Werte und Institutionen unserer freiheitlichen Ordnung zwar nicht aktiv bekämpft, aber die Verfassung praktisch ständig in Frage stellt", sagte Hemminger.
Systematisch verkünde der ACP den Untergang des säkularen Verfassungsstaates, da die Werte bedroht und die falschen Kräfte an der Macht seien. Für Hemminger ist die Botschaft klar: "Insofern ist der ACP ein Vermittlungsorgan für Extremismus und Fanatismus aus der rechten Ecke, aber auch aus dem Kreis der Sektierer." Regelmäßig versuche der ACP Gegner der Verfassung gegen Kritik in Schutz zu nehmen. Beispiele dafür finden sich in den Schriften des ACP mehrfach: So wurde dort beispielsweise Angehörigen der Scientology-Sekte per Leserbrief ein Forum eingeräumt. Keine Probleme hatte der ACP auch damit, ein Interview mit dem Chef der Partei der "Republikaner" abzudrucken, als diese noch als Rechtsextremisten vom Verfassungsschutz beobachtet wurden.
Für Problematisch hält es der württembergische Kirchenmann Hemminger, dass sich seriöse Politiker aus dem bürgerlichen Lager auf Kontakte zum ACP einließen: "Der ACP hat quantitativ eigentlich keine Bedeutung. Allerdings werten nicht wir ihn auf, wenn wir über ihn reden, sondern die etablierte Politik wertet ihn auf, wenn sie sich ihm gegenüber unkritisch verhält." Der ACP wurde 1972 gegründet und ist unter dem heutigen Namen seit 1979 bekannt. Nach eigenen Angaben wurden bisher rund 250 Interviews mit Spitzenpolitikern und vergleichbaren Persönlichkeiten geführt. Der ACP war für eine telefonische Stellungnahme nicht zu erreichen.