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Audio-Stream startenEine Reportage von Kersten Mügge
Die Kieler Woche liegt schon einige Wochen zurück, trotzdem ist sie für Willi Streitz von der Katastrophenforschungsstelle der Universität in Kiel noch nicht vorbei: Der Wissenschaftler will die Veranstaltung auch nach ihrem Ende erforschen. Dabei interessiert er sich aber nicht für die Schiffe oder die Konzerte, sondern für die Besucherströme. Während der Kieler Woche hat er aus diesem Grund an einer Wegkreuzung an der Kiellinie Videoaufnahmen gemacht.
Auf dem Computermonitor laufen die Bilder jetzt im Zeitraffer. Mal ist der Weg frei, mal stauen sich die Besucher an verschiedenen Stellen. Streitz will wissen, warum das so ist. Seine Beobachtung: "Plötzlich geht da ein Pulk durch, der langsamer ist, als die Menschen davor und dort staut es sich." Es sind also Gruppen von Leuten, die oft den Weg versperren, hat der Soziologe festgestellt: "Wie kommen die Leute bei Gegenverkehr umeinander rum? Das ist auch sowas, wonach man gucken muss. Sind da dichte Gruppen als Sperre für die anderen, muss man immer rum. Wie funktioniert das", fragen sich Streitz und seine Mitarbeiter.
Die Beobachtungen im Kleinen sind wichtig für eine umfassende Forschungsarbeit. Mit statistisch genauen Daten will der Soziologe erstmals feststellen, wie viele Leute wirklich bei einer Großveranstaltung über einen Weg drängeln können, ab wann es zu eng wird und was das für die Sicherheit der ganzen Veranstaltung heißt.
Für eine Großveranstaltung wie die Kieler Woche gibt es aber natürlich schon umfangreiche Sicherheitskonzepte. In den Planungen der Verantwortlichen ist jede Eventualität berücksichtigt, wie der Chef der Kieler Berufsfeuerwehr, Ralf Kirchhoff, sagt: "Es gibt ganze Aktenschränke voll mit Konzepten, Anordnungen, Anweisungen und Festlegungen. Dabei profitieren wir auch von den Erfahrungen unserer Vorgänger. Das ist etwas, was sich über viele Jahre entwickelt und sehr gut bewährt hat."
Wissenschaftler Streitz will sich damit aber nicht zufriedengeben. Er meint, dass sich Veranstalter zu häufig auf Erfahrungswerte und ungenaue Schätzungen verlassen. Das fängt für ihn schon bei den Besucherzahlen an: "Die Events werden größer, sie müssen auch größer werden. Ob die veröffentlichten Zahlen mit den tatsächlichen Zahlen übereinstimmen, weiß kein Mensch - weil es keine Zählungen gibt." Hier sieht Streitz Nachholbedarf: Würde man die Veranstaltungen genau dokumentieren, könne man daraus einen Katalog mit spezifischen Risikoabschätzungen ableiten, meint der Wissenschaftler.
Einige Ideen von Streitz haben die Partner des Kieler Wissenschaftlers in dem Forschungsprojekt schon zusammengefasst. Hieraus ließen sich Standards für große Events aufstellen, so Streitz: "Wenn man eine Richtlinie weiter dreht, dann kann eine Stadtverwaltung da nicht einfach vorbei und den Rat ihrer Sicherheitsleute vom Tisch fegen." In den kommenden zwei Jahren wollen die Kieler Forscher die Richtlinie noch weiter verfeinern. Sie könnte dann eine Grundlage für sicherere Großveranstaltungen sein.